Wörterleuchten: »Anti Müller« trifft Thomas Bernhard
Lesungen und Gespräch mit Yade Yasemin Önder und Dimitrij Schaad
Im Rahmen der Reihe »Wörterleuchten« stellt die Autorin Yade Yasemin Önder am 12. November um 19:30 Uhr im Haus Münsterberg ihren zweiten Roman »Anti Müller« (Longlist des Deutschen Buchpreises) in Lesung und Gespräch vor. Der Schauspieler Dimitrij Schaad liest dazu aus Thomas Bernhards »Holzfällen«: Textpassagen, die Önders Schreiben inspiriert und begleitet haben.

Mit großer poetischer Präzision seziert Yade Yasemin Önder in »Anti Müller« die Mechanismen moderner Beziehungen. Im Zentrum steht eine Mittdreißigerin, die um Beziehung, Familie, Nähe und Geborgenheit ringt – und um die Frage, wie viel davon eigentlich ihr eigener Wunsch ist. Denn: »Anti Müller« ist kein klassischer Liebesroman, sondern eine schonungslose, groteske Analyse verkrusteter Strukturen und ihrer sanften Vollstrecker, unter deren lackierten Nägeln noch immer der Schmutz des Patriarchats lauert. Önder führt uns in die Szenerie eines vermeintlich feministischen Kulturbetriebs, der sich längst modern gibt und doch noch immer die Männer die Regie führen lässt. Ihre Erzählerin blickt von außen auf dieses Gefüge – und steckt zugleich tief darin.
Einige Jahrzehnte zuvor sitzt Thomas Bernhards Erzähler in »Holzfällen« auf einem Ohrensessel und beobachtet ein künstlerisches Abendessen der Wiener Gesellschaft. Um ihn herum: die feine Welt der Kunst, ihre Eitelkeiten, ihre Rituale. Doch unter der Oberfläche gärt es. Der Erzähler spürt Ablehnung, Spott und Unbehagen – und richtet seine ganze sprachliche Wucht gegen jene Gesellschaft, deren Teil er selbst ist. Nicht umsonst trägt der Roman den Untertitel »Eine Erregung«. Der Schauspieler Dimitrij Schaad holt diesen erregten Bernhard auf die Bühne. In ausgewählten Passagen aus »Holzfällen« begegnet uns eine Stimme, die sich in Rage redet, die übertreibt, wiederholt, seziert und sich dabei immer weiter in das eigene Beobachten verstrickt.
So treffen zwei Perspektiven aufeinander, die Jahrzehnte trennen und sich doch erstaunlich nahekommen: Bernhards wütend-übersteigerte Abrechnung mit der Wiener Kunstgesellschaft und Önders zeitgenössischer, feministischer Blick auf einen Kulturbetrieb, der seine alten Machtverhältnisse noch immer mit sich trägt.
Veranstalter ist das Literaturbüro OWL, die Lesung ist eine Kooperation mit der Buchhandlung Kafka & Co.. Karten sind online unter www.literaturbuero-owl.de sowie vor Ort bei Kafka & Co. erhältlich und kosten 20€ zzgl. Gebühren, ermäßigt 16€ zzgl. Gebühren.




