ANNEMIRL BAUER. BRUCH IST IN DER WELT
5. September 2026 – 7. Februar 2027
DAS MINSK Kunsthaus in Potsdam zeigt ab dem 5. September 2026 eine umfassende Retrospektive, die sich dem künstlerischen Schaffen von Annemirl Bauer (geb. 1939 in Jena, gest. 1989 in Ost-Berlin) widmet. Mit Annemirl Bauer wird eine kritische und unabhängige Stimme aus der DDR und eine Künstlerin präsentiert, der die kunsthistorische Wahrnehmung lange verwehrt blieb.
Aus über drei Jahrzehnten ihres künstlerischen Schaffens – von Ende der 1950er Jahre bis zu ihrem frühen Tod 1989 – werden rund 150 Gemälde, Zeichnungen, Collagen und Objekte dieses außergewöhnlichen Werks gezeigt. In vier Kapiteln beleuchtet die thematisch angelegte Retrospektive Annemirl Bauers Arbeiten, die sich mit Rollenbildern und Geschlechterverhältnissen innerhalb patriarchaler Machtstrukturen, Selbstermächtigung, Menschenrechten, Umweltzerstörung und staatlicher Unterdrückung auseinandersetzen.
Die Titel der Ausstellungskapitel sind angelehnt an Worte aus Werken und Schriftstücken der Künstlerin selbst. Wie in Tagebuchaufzeichnungen hielt sie in ihren zahlreichen Werken sowohl Privates als auch Politisches fest. Sie dokumentierte unablässig, was sie sah und was sie beschäftigte. Dabei sind die Werke von Annemirl Bauer Zeugnisse ihres Selbstverständnisses als Malerin und kompromisslose Beobachterin, die sich fortwährend für soziale Gerechtigkeit einsetzte und gegen die Repressionen der SED-Politik aufbegehrte.
Eine große institutionelle Präsentation blieb Annemirl Bauer zu Lebzeiten verwehrt. Es ist das besondere Verdienst ihrer Tochter Amrei Bauer, Nachlassverwalterin sowie Gründerin und Kuratorin des Annemirl Bauer Hauses in Brandenburg, dass das Werk in weiten Teilen erhalten und in einem zusammenhängenden Konvolut bewahrt wurde.
Mit dieser Ausstellung können eine Vielzahl von Werken einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, nicht zuletzt durch die umfangreichen Forschungs- und Restaurierungsarbeiten, die durch DAS MINSK durchgeführt wurden.
Die Kuratorin der Ausstellung, Marie Gerbaulet, fasst die Prägnanz und Aktualität des Werks von Annemirl Bauer folgendermaßen zusammen: »Das Leben durch den Filter von Annemirl Bauers Bildwelten zu betrachten, fordert
heraus, bewegt und kann bisweilen schmerzen. Denn ihre Werke sind ehrlich, komplex, authentisch, unbequem und bis heute hochaktuell. Ihr Mut, politische Entscheidungen öffentlich zu hinterfragen, zog staatliche Repression nach sich,
weshalb ihr künstlerisches Werk lange Zeit kaum öffentliche Aufmerksamkeit erfuhr. Dabei schuf Annemirl Bauer durch ihre Unerschrockenheit und ihre malerische Kraft ein eigenständiges und unabhängiges künstlerisches Werk, das ihr die Möglichkeit gab, in all der Gegensätzlichkeit und Zerrissenheit, die sie umgab, selbstbestimmt zu leben und informiert und widerständig zu agieren. Die Wahrnehmung und Spiegelung der großen Brüche und Herausforderungen ihrer Zeit im Alltäglichen und Zwischenmenschlichen korrespondiert mit unserem Erleben der Gegenwart.«
Zwischenmenschliche Landschaften Das erste Kapitel der Ausstellung widmet sich einem der Hauptthemen von Annemirl Bauers künstlerischem Schaffen: der Frage, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Dies spiegelt sich besonders in ihren Porträts und ihren Mutter-Kind-Motiven sowie in den Bildnissen ihrer Beziehungen zu anderen und zu sich selbst. Darüber hinaus wird Bauers Identität als Frau und Mutter, Mutterschaft und ihre Selbstfindung in diesen Rollen thematisiert. Ihre Werke drücken existenzielle Gefühle wie Verlust, tiefe Verbundenheit, Abhängigkeit, Verletzlichkeit, Nähe, Abgrenzung und Abnabelung aus.
Frauen, wenn wir heute nichts tun, leben wir morgen wie vorgestern Das zweite Kapitel stellt das Frausein ins Zentrum und rahmt die Frage nach ihrer Geschichte ein. Zu sehen sind Werke, die feministische Gegenentwürfe zur Vorherrschaft einer männlich dominierten Historiografie und Kunstgeschichte liefern. Im Fokus stehen ihre eigenen sowie die Erfahrungen anderer Frauen, um einen Gegenentwurf zum etablierten, männlich geprägten historischen Narrativ hin zu einer Bildgeschichte fern des Male Gaze zu entwickeln. Diese Werke sind visuelle Kommentare zu Gewaltfantasien von überwiegend Männern sowie zu struktureller und staatlicher Gewalt an Frauen – gleichzeitig macht Bauer damit die andauernde Suche nach einer lebenswerten Identität innerhalb patriarchaler oder
frauenverachtender Machtstrukturen sichtbar.
Nicht schweigen werde ich
Ab den 1980er-Jahren hält Annemirl Bauer in ihren Arbeiten die sichtbaren und unsichtbaren Machtstrukturen fest, die sich durch die Realpolitik der SED zunehmend auf ihr eigenes und die Leben der DDR-Bürger:innen auswirkte. Als
sensible Beobachterin und gleichzeitig Leidtragende politischer Repressionen durch das Ministerium für Staatsicherheit (MfS oder Stasi) entwickelten sich die Werke Bauers zu einer Form des künstlerischen Widerstands. In zahlreichen Werken kritisiert sie mit Bild und Text das Scheitern der gesellschaftlichen Utopie des real existierenden Sozialismus, die Gefahr der Desinformationen und Entmündigung von Bürger:innen, die Umweltverschmutzung, den Bau der Mauer und das damit verbundene Gefühl des Eingesperrtseins und des Freiheitsentzugs sowie die spürbare Enge.
Ich will den Erdball selber abtasten
Das vierte und letzte Kapitel der Ausstellung widmet sich dem Thema »Reisen«, das Annemirl Bauer seit ihrer Kindheit faszinierte. Kurz vor ihrem frühen Tod fuhr sie 1987/88 ein letztes Mal – auf illegalem Weg mit einer Reisegenehmigung für West Berlin – nach Spanien auf die Kanarischen Inseln. Dabei entstanden zahlreiche kleinformatige Zeichnungen. Daneben sind Reisecollagen der Künstlerin in der Ausstellung zu sehen. Das Reisen förderte Bauers politischen Scharfsinn und lies sie neue Bildthemen und -techniken entdecken, um das Gesehene und Erfahrene unmittelbar verarbeiten zu können. Sie blieb dabei weiterhin eine kritische Beobachterin, die sich nicht auf die Darstellung beeindruckender Landschaften oder urbaner Räume beschränkte, sondern zugleich gesellschaftliche Missstände
thematisierte: Motive wie die Anhäufung von Wohlstandsabfällen, die von Hochhausarchitekturen geprägten Stadtlandschaften sowie die prekäre Stellung von Frauen erscheinen dabei als visuelle Verdichtung ihrer Kritik an den sozialen und politischen Verhältnissen patriarchal geprägter Gesellschaften. Die meisten ihrer Reisewünsche blieben Bauer allerdings wegen der restriktiven Grenzpolitik der SED verwehrt.
Der Ausstellungskatalog
Begleitend zur Ausstellung erscheint im DISTANZ Verlag der Katalog Annemirl Bauer. Bruch ist in der Welt, der der Vielschichtigkeit des künstlerischen Kosmos von Annemirl Bauer nachspürt. Neben einer aktuellen kunsthistorischen Einordnung von Kerstin Schankweiler umfasst die Publikation auch einen literarischen Essay der Autorin Carolin Würfel zum Leben der Künstlerin. Ein Gespräch mit Amrei Bauer, der Nachlassverwalterin sowie Gründerin und Kuratorin des Annemirl Bauer Hauses in Brandenburg, und ein Essay von Doris Paschiller, der Autorin, Psychologin und engen Freundin der Künstlerin, nehmen verschiedene Perspektiven in Bezug auf die biografischen, malerischen, gesellschaftlichen und politischen Aspekte im Werk von Annemirl Bauer ein und beinhalten persönliche Erlebnisse und Erinnerungen an sie.
Die Ausstellung wird kuratiert von Marie Gerbaulet mit Luisa Bachmann als kuratorischer Assistentin. Sie entsteht in enger Zusammenarbeit mit Amrei Bauer, Nachlassverwalterin sowie Gründerin und Kuratorin des Annemirl Bauer Hauses in Brandenburg.
Ausstellung im Kabinett des MINSK
Parallel zur Ausstellung Annemirl Bauer. Bruch ist in der Welt zeigt DAS MINSK im Kabinettraum die Ausstellung Die Keramikwerkstatt von Wilfriede Maaß, die Keramikobjekte und Gemälde versammelt, mit denen die Geschichte der Werkstatt von Wilfriede Maaß in Ost-Berlin nachgezeichnet wird. In den 1980er- und 1990er Jahren war die in der Schönfließer Straße 21 gelegene Keramikwerkstatt, die später auch zur Galerie wurde, ein wichtiger Freiraum für nichtkonforme Kunst in der DDR. Die Ausstellung wird kuratiert von Daniel Milnes.
Über Annemirl Bauer
Annemirl Bauer wurde am 10. April 1939 in Jena geboren, als zweites Kind der Malerin Tina Bauer-Pezellen – die vom NS-Regime als »entartet« verfolgt wurde – und des Bauhaus-Fotografen und späteren Dozenten Siegbert Bauer, der im Zweiten Weltkrieg starb. Annemirl Bauer wuchs in Weimar auf.
Nach einer Ausbildung zur Spielzeuggestalterin in Sonneberg (1955–1958) studierte sie nach einem Grundstudium der Malerei und Grafik von 1962 bis 1965 baugebundene Kunst an der Hochschule Berlin-Weißensee. Nach ihrem
Diplomabschluss arbeitete Annemirl Bauer als freischaffende Malerin in einem Ladenraum im Prenzlauer Berg, den sie als Wohnung und Atelier nutzte, und wurde in den Verband Bildender Künstler der DDR (VBK) aufgenommen. Kurz darauf versuchte das Ministerium für Staatssicherheit (MfS), die Künstlerin als »Inoffizielle
Mitarbeiterin« (»IM«) zu werben – sie lehnte ab. 1969 kam ihre Tochter Amrei zur Welt, die zu einem häufigen Motiv in ihren Arbeiten wurde. In den folgenden Jahren entstanden mehrere Auftragsarbeiten für architekturbezogene Wandbilder für öffentliche Gebäude in Berlin und Thüringen, darunter Fliegendes Pferd (1981/82), das als einziges Auftragswerk nach der Wende sichtbar blieb und sich heute als Dauerleihgabe in der Humboldt-Universität zu Berlin
befindet, und das »Berlin-Triptychon« Der Himmel über Berlin ist unteilbar (1980), das später von der X. Kunstausstellung der DDR in Dresden abgelehnt wurde und heute als Dauerleihgabe im Deutschen Bundestag (Jakob-Kaiser-Haus) hängt. 1976 erwarb Annemirl Bauer ein ehemaliges Pfarrhaus in Brandenburg und lebte abwechselnd dort und in Berlin. Nach dem Verfassen einer sogenannten öffentlichen Eingabe u. a. zur Anprangerung der Wehrpflicht für Frauen und der Reisebeschränkungen in der DDR wurde Annemirl Bauer 1985 aus dem VBK ausgeschlossen und mit Arbeitsverbot belegt. Das MfS führte unter dem Codenamen »Zelle« systematische Zersetzungsmaßnahmen gegen
sie durch: Verhöre, Einbrüche, Steuerrepressionen. Ein Angebot zur Ausreise lehnte sie dennoch ab. 1986 wurde sie durch Unterstützung befreundeter Künstler:innen rehabilitiert und wieder in den VBK aufgenommen. Zeit ihres Lebens unternahm Annemirl Bauer Studienreisen in verschiedene Länder des sozialistischen Auslands und vereinzelt nach Westeuropa. Die meisten ihrer Reisewünsche blieben Annemirl Bauer allerdings wegen der restriktiven Grenzpolitik
der SED verwehrt. Sie setzte sich stets für die Reisefreiheit von DDR-Bürger:innen ein.
Im August 1989 starb Annemirl Bauer in Berlin an Krebs – wenige Wochen vor dem Mauerfall. Ihre Tochter Amrei Bauer betreut seitdem den künstlerischen Nachlass und kuratiert die Präsentationen des Annemirl Bauer Hauses in Brandenburg.
Annemirl Bauers Werk befindet sich daneben in öffentlichen Sammlungen, u. a. in der Berlinischen Galerie, im Brandenburgischen Landesmuseum für moderne Kunst, in der Kunstsammlung der Berliner Volksbank sowie in der Kunstsammlung des Deutschen Bundestags. Seit 2010 trägt der Annemirl-Bauer-Platz am Berliner Ostkreuz ihren
Namen.
ÖFFNUNGSZEITEN
Täglich außer dienstags
Mittwoch bis Montag 10–19 Uhr
EINTRITT
10 Euro, 8 Euro ermäßigt
Kombiticket: 20 Euro, 12 Euro ermäßigt
Das Kombiticket ist für das Museum Barberini und DAS MINSK Kunsthaus in Potsdam
gültig.
DAS MINSK Kunsthaus in Potsdam ist ein Projekt der Hasso Plattner Foundation. Ziel der Hasso Plattner Foundation ist es, Generationen zu bilden und zu inspirieren. Mit ihren Projekten möchte die Stiftung die digitale Souveränität Europas stärken, den Zugang zu Kunst und Kultur ermöglichen und unseren Planeten für künftige Generationen erhalten.
|
|---|
|




