Demnächst in Ihrem Theater:
Carl Zellers Operette „Der Vogelhändler“ (ab 30.10.26)
(g.wasa – Detmold). – Am 30. Oktober 2026 hat im Landestheater Detmold Carl Zellers Operette „Der Vogelhändler“ Premiere. Wollen Sie sich darauf einstimmen? – Vielleicht mit einem Rückblick auf den letzten Detmolder „Vogelhändler“, im November 2012? Siehe unten == > „Tiroler Rosen ganz ohne Dornen – Heile Vogelhändler-Welt auf der Operettenbühne“.
Aber lassen Sie sich durch die kritischen Untertöne ja nicht von einem Besuch abhalten! Klar: die Geschichte ist Trivialliteratur, wie sie in manchem Buche steht – aber dafür dürfen Sie zum Schluss auf das eine oder andere Happy End hoffen. Und ja: die Verse sind gelegentlich recht holprig, aber so manche Arie ist zum zeitlosen Schlager / Ohrwurm geworden („Schenkt man sich Rosen in Tirol …“, „die Christel von der Post“, …). Und vor allem: Der Regisseur ist wohl (hoffentlich!) nicht mehr ein solches Fossil wie damals (und wenn doch? – Vielleicht ist Ihnen ja ohnehin eine traditionelle Inszenierung lieber als eine moderne!).
Das Landestheater kündigt jedenfalls einen „ausgewiesenen Experten für feinsinnige Unterhaltung“ an: Regisseur Hans Walter Richter, zurzeit an der Oper Frankfurt tätig, hat schon an namhaften Spielstätten gearbeitet, vom Theater Münster bis zur Wiener Staatsoper, von den Bregenzer bis zu den Tiroler Festspielen in Erl; er war an Inszenierungen einer beachtlichen Reihe von Werken beteiligt, von der Klassik (Mozart, Puccini …) bis zu Zeitgenössischem. Und der wird – verspricht das Landestheater – „gemeinsam mit Ausstatter Bernhard Bruchhardt eine Postkartenidylle »mit Twist« zaubern — Alpenpanorama trifft Pop Art“; da macht’s eigentlich gar nichts, dass der „Vogelhändler“ überhaupt nicht in den Alpen spielt, sondern in der Kurpfalz – Hauptsache, der fesche Adam ist ein zünftiger Tiroler, der mit seinem rustikalen Schürzenjäger-Charme („Ich hab‘ noch eine jede g’richt’t.“) zwischen so unterschiedlichen Damen laviert wie der (verkleideten) eifersüchtigen aber lebenslustigen Kurfürstin („als Kind vom Rhein lieb‘ ich den Wein“) und der lebenspraktischen, brav-zurückhaltenden Christel („einen Kuss, wenn ich muss … nur nicht gleich …“).
Neben diesem Trio verspricht die Ankündigung weitere pralle, „patente Figuren durch alle Zeitebenen hinweg, die man einfach liebhaben muss“. – Naja – wenn man die korrupten und geldgierigen Professoren und Hofschranzen nicht unbedingt „liebhaben“ will, kann man sich doch über sie amüsieren. Jedenfalls ist spannend (und witzig), wie die alle ihren „wirklich weiten Weg durch Geldsorgen, Geheimnisse, Eifersucht und Erotik“ bewältigen! Fast möchte man glauben, hier seien Mozarts „»Figaro« und Strauss‘ »Rosenkavalier« ins ländliche Idyll“ einer feudalistischen Kurpfalz versetzt worden.
Kein Wunder jedenfalls – meint das Landestheater –, dass 1891 in Wien die Uraufführung dieser „operettigen Mischung aus allerhand Opern-Referenzen vor ländlicher Postkartenidylle zum sensationellen Erfolg“ geworden ist. Einen solchen wünschen wir uns auch für Detmold! Toi toi toi!
Mehr Information: Landestheater
Und nun der Rückblick auf einen 14 Jahre alten Detmolder „Vogelhändler“ (kulturinfo-Lippe, November 2012):
Tiroler Rosen ganz ohne Dornen
Heile „Vogelhändler“-Welt auf der Detmolder Operettenbühne
Musikalische Leitung: Matthias Wegele
Inszenierung: Uwe Drechsel
Ausstattung: Heiko Mönnich
Choreinstudierung: Marbot Kaiser
Dramaturgie: Elisabeth Wirtz
(WaSa – Detmold 11/2012). – Nach einer glanzvollen Saisoneröffnung mit der Oper „Carmen“ und dem Pflichtstück der klassischen Moderne, „Puntila“, ist jetzt die leichte Muse an der Reihe: Am Landestheater hatte „der Vogelhändler“ Premiere, der zu den Top-Ten im Operettenrepertoire deutscher Theater gehört – kein Wunder, angesichts der „handwerklichen Qualität“, die Dramaturgin Elisabeth Wirtz diesem Werk Carl Zellers aus dem Jahr 1891 bescheinigt. Nachdem selbst der notorisch kritische Volker Klotz dieser Operette „vorzügliche Kunstfertigkeit und Bühnenwirksamkeit“ bescheinigt, traut man sich selbst kaum mehr zu kleinlicher Krittelei, auch wenn einem so einiges aufstößt: die Banalitäten, die wichtigtuerische-redundante Beschreibung dessen, was man ohnehin sieht („Die Jäger!“) und die gelegentlich arg holperigen Verse („Durchlaucht nämlich ist erschienen / Sitzt bereits huldvoll da drinnen“), die manchmal schon wieder von einer geradezu satirischen Komik sind („…seinen Jägermeister / Den Baron Weps, so heisst er“; oder im berühmten „Kirschbaumlied“:
„Einen Reiter hört‘ ich jagen
Und mein Herz hub an zu schlagen;
… Draussen fielen Blütenflocken,
Drin der Kranz von meinen Locken“ –
Na, wer da nicht auf die Fortsetzung gespannt ist!)
Aber vielleicht ist das alles ja genre-typisch. Ebenso wie die heile Welt genre-typisch zu sein scheint, die hier vorgeführt wird: die Korrupition der Beamtenschaft (vom Förster bis zum Prodekan) ist reine Folklore; Oben und Unten sind noch schön ordentlich sortiert: oben die absolutistischen Durchlauchtigkeiten, die sich „eindirndeln“ (Klotz) um mit den Unteren Spielchen (am liebsten natürlich erotische) zu treiben, welche sie nach Lust und Laune jederzeit abbrechen dürfen, ganz im Gegensatz zum Volk, das alle Launen der Herrschaft in weiser Bescheidenheit hinnimmt …
Allerdings wird Volker Klotz in seinem Standardwerk „Operette“ nicht müde zu betonen, dass es auch anders geht und diese Gattung sich keineswegs auf die „erbauliche Heimatoperette“ mit „einer verklärten ländlichen Vorvergangenheit“ beschränkt. Und der Musikkritiker (und heutige Chefdramaturg der Deutschen Oper Berlin) Jörg Königsdorf hat vor einiger Zeit in der SZ beklagt, dass die „gewaltsame Historisierung“ der – jüdisch geprägten und dazuhin „aufmüpfigen“ – Operette durch die Nazis nie so richtig rückgängig gemacht wurde, dass bis heute „das Rad der Zeit einfach auf die klassische Wiener Operette“ zurückgedreht bleibt.
Dabei hat es auch in Detmold sehr wohl Versuche gegeben, der Operette ihre alte Frechheit zurück zu geben, besonders gelungen vor wenigen Jahren im „Weißen Rössel“. Tempi passati! Heute ist am Landedstheater wieder Historisieren angesagt! (Wenn’s ja nur beim Vogelhändler wär, könnte man‘s ja noch gerne akzeptieren; die eine Operette der Spielzeit darf das durchaus. Aber auch aus „Hair“ wurde – ganz bewusst! – ein historisches Rührstück gemacht; und selbst einem „Lehrstück“ wie dem „Puntila“ wurde jeder politische Gehalt ausgetrieben!)
Und so bekennt sich also Gast-Regisseur Uwe Drechsel ausdrücklich zur Absage an das (aktualisierende) Regietheater. Dass er das Werk in Ausstattung und geistigem Gehalt „in seiner Zeit“ belässt, begründet er damit, dass das heutige Publikum damalige gesellschaftliche Phänomene wie ein ius primae noctis heute ohnehin nicht mehr nachvollziehen könne und solches somit in eine „moderne“ Inszenierung nicht passen würde. Als Beleg dafür nennt er – ausgerechnet! – den „Barbier von Sevilla“: Heute wäre es schließlich nicht mehr denkbar, dass junge Frauen ins Haus eingesperrt würden. Und das in Detmold! Wo fast auf den Tag genau ein Jahr vor der Vogelhändler-Premiere eine junge Frau von ihrer Familie ermordet wurde, weil sie sich nicht einsperren lassen wollte! Wer hat eigentlich einen Regisseur mit einem derart begrenzten Weltbild ausgesucht?
Aber treiben wir’s nicht zu weit mit der Kritik – wie gesagt: eine Operette darf auch mal harmlos-volkstümlich, unkritisch und sogar ein bisschen banal sein, also: „einfach nur schön“. Und so wird denn dieser Vogelhändler den breiten Publikumsgeschmack bedienen: mit schönen Kostümen, einem Bühnenbild, das mal ländlich-rustikal, mal gräzisierend-elegant ist; mit einem zünftig schuhplattelnden Tiroler (Markus Gruber), einer liebenswürdigen Kurfürstin (Marianne Kienbaum-Nasrawi) und so weiter … Ein besonderer Gag: Bruno Gebauer und Michael Klein spielen die Professoren – wie bereits vor ca. 15 Jahren, allerdings mit vertauschten Rollen. Außerdem: bunte Volksszenen und die ganzen bekannten Ohrwürmer („Christel von der Post“, „Rosen in Tirol“ …). Und: kräftige, aber gekonnte Striche, aber auch ein paar Zutaten: mal ein Schnaderlhüpferl, mal ein herrlich boshafter Kommentar, wenn die Hofdame Adelaide (wunderschön-komödiantisch überzeichnet von Brigitte Bauma) ihr erotisches Coming Out hat: „Frühlingserwachen einer Herbstzeitlosen“. Und sogar eine aktuelle politische Anspielung: Baron Weps nimmt in sein Skandallied eine zusätzliche Strophe über die Medienpolitik der CSU auf! Beifall!
Unverzichtbar schließlich: die diversen Happy Ends: In Detmold erwacht sogar der (sonst durch Abwesenheit glänzende) Kurfürst zum Leben und tritt an die Seite der glücklichen Gemahlin; Baronin Adelaide bekommt den Baron Weps; dieser bekommt ihr Geld. Und natürlich kriegen sich Adam und Christel. Dass diese beiden dann die kurfürstliche Pfalz hinter sich lassen und sich ins ländliche Tirol zurückziehen (was nicht nur Volker Klotz zur Frage veranlasst: Wozu dann das Ganze?), das wird dem Publikum beinahe unterschlagen. Erst in den schon einsetzenden Schlussapplaus hinein deutet Adam diese Flucht in die Idylle an: „B’hüt enk Gott, alle miteinander! I geh‘ ham …“





