Henrik Ibsen und die Klimakatastrophe
Ein neuer „Volksfeind“ im Landestheater
Sommer 2026: globale Klima-Katastrophe
(g.Wasa – Detmold). – Was für ein Sommer! Allüberall Temperatur-Rekorde! Ernteschäden, brennende Wälder; Wassermangel, austrocknende Flüsse, Ausfall von Kraftwerken mangels Kühlwasser, Einschränkung des Schiffsverkehrs mit Millionen-Folgeschäden für die Wirtschaft; 16.000 Hitzetote, hitzebedingte Produktivitätsverluste … Die EU rechnet mit finanziellen Schäden in Höhe von 180 Milliarden Euro bis September (WIKIPEDIA).
Dabei weiß man längst ganz genau, was gegen den Klimawandel zu tun ist: Verbrauch fossiler Brennstoffe reduzieren, am besten auf Null – so schnell wie irgend möglich. – Und wie reagierte man jahrzehntelang? „Ist das nicht maßlos übertrieben? Ist das bisschen CO2 wirklich so gefährlich? Kann der Mensch wirklich einen derartigen Einfluss auf die Atmosphäre ausüben? Andere Wissenschaftler liefern andere Erkenntnisse, verfügen über eine alternative Wahrheit. Lasst uns doch erst mal abwarten anstatt in Aktionismus zu verfallen …“
Und wenn – wie (nicht erst) im Sommer 2026 – keine Zweifel mehr möglich erscheinen, dann gibt’s immer noch das Totschlagargument: Damit schaden wir der Wirtschaft. Die Konkurrenten in China warten nur darauf …
Das Ergebnis: Wegen des Entwurfs eines Heizungsgesetz, das wenigstens erste sinnvolle Schritte vorsieht, platzt eine Regierung. Das geplante „Verbrenner-Aus“ wird massiv bekämpft. Friedrich Merz beschimpft Klimaschützer als „grüne Spinner“, die nicht „alle Tassen im Schrank“ haben (Hauptsache, er hat alle Taschen voller Geld). Seine Wirtschaftsministerin und Gas-Lobbyistin Reiche verdient sich den Titel Roll-Back-Kathi. Und die Partei, die das Ganze schlicht leugnet, eilt von Wahlsieg zu Wahlsieg!
Dabei gibt es seit über 60 Jahren in der Wissenschaft eine breite Diskussion zum Thema. Schon 1896 warnte der Naturwissenschaftler Arrhenius vor dem „Treibhauseffekt“.
Und 14 Jahre vorher beschrieb der norwegische Dramatiker Henrik Ibsen das, was wir heute als globale Entwicklung erleben, am Beispiel einer (fiktiven) norwegischen Kleinstadt.
1882: Kommunaler Umwelt-Skandal
Der Arzt Dr. Thomas Stockmann hatte die Idee, in seiner Stadt ein Kurbad zu errichten. Umgesetzt wird die Idee von seinem älteren Bruder dem Stadtvogt Peter Stockmann. Beide hatten wohl nie ein sehr „brüderliches“ Verhältnis, jetzt konkurrieren sie darum, welchem von beiden diese wichtigste Einnahmequelle der Stadt vor allem zu verdanken sei.
Da stellt der Arzt fest, dass das Wasser des Bades verseucht ist, unter anderem durch Abwässer aus der Gerberei des Pflegevaters seiner Frau. Er plant die sofortige umfassende Sanierung und betrachtet sich als selbstlosen Retter des Bades. Der einflussreiche Vorsitzende des Hausbesitzervereins sagt seine Unterstützung zu, und die Redaktion des „Volksboten“ steht auf seiner Seite (umso engagierter, als sie glaubt, damit dem ungeliebten Stadtvogt eins auswischen zu können).
Kurz: Dr. Stockmann sieht sich schon als umjubelten Helden der gesamten Stadt-Gesellschaft.
Nur sein Bruder, der Stadtvogt (=Bürgermeister), ist nicht begeistert. Er sieht die Kosten („Hunderttausende“); und für die Sanierungsarbeiten müsste das Bad für zwei Jahre schließen – eine Gelegenheit, auf welche die konkurrierenden Nachbarorte nur warten … – In dem Maße, in dem die wirtschaftlichen Folgen in den Vordergrund gestellt werden, kippt die Stimmung, wachsen die Zweifel an Dr. Stockmanns Ergebnissen: Hat er nicht maßlos übertrieben? Sind diese Tierchen (die man nicht mal sehen kann) wirklich so gefährlich? Wie verlässlich sind die Untersuchungsergebnisse? Sollte man nicht noch mal Proben nehmen, um zu einem harmloseren Ergebnis zu kommen? Gibt es neben Dr. Stockmanns Wahrheit nicht auch eine andere, alternative Wahrheit? Kann man nicht erst mal abwarten, das Ganze diskret unter Ausschluss der Öffentlichkeit behandeln? – Der Stadtvogt:
„Die existierende Wasserversorgung des Bades ist ein Faktum und muss selbstverständlich als ein solches behandelt werden. Doch voraussichtlicherweise wird die Direktion zu gegebener Zeit nicht abgeneigt sein, in Erwägung zu ziehen, inwieweit es mit erschwinglichen pukuniären Opfern möglich sein wird, gewisse Verbesserungen einzuführen“
Der Arzt gerät zunehmend unter Druck, hält aber konsequent an seinen Warnungen fest, wird allmählich zum Außenseiter, zum „Volksfeind“. Er verliert seine Stelle als Badearzt, seine Tochter verliert ihre Stelle als Lehrerin, die Söhne werden der Schule verwiesen, die Wohnung wird gekündigt. Schließlich will er nach Amerika auswandern (was zu Ibsens Zeit eine durchaus naheliegende Idee sein konnte); doch auch dieser Ausweg wird ihm verbaut: Der Kapitän, der ihn mitnehmen würde und der als letzter noch zu ihm hält, verliert eben deshalb seinen Posten.
Der Schluss bleibt einigermaßen offen: Dr. Stockmann erkennt, dass nicht nur das Badewasser, sondern die ganze Gesellschaft verseucht ist; doch er will – gemeinsam mit seiner Familie – der allgemeinen Verkommenheit trotzen, will womöglich eine Schule gründen, in der nicht nur seine Söhne „zu freien, vornehmen Männern“ erzogen werden sollen. Sein Schlusswort könnte von Schiller stammen: „DER ist der stärkste Mann der Welt, der allein steht“. (Die idealistische Tochter ruft „mutig: Vater!‘“ Seine – realistischere – Frau „lächelt und schüttelt den Kopf: ‚Ach du -‘“

Herbst 2026: Die Übertragung ins Heute
„Überschreibungen von Klassikern sind ein Steckenpferd von mir“, verriet der Detmolder Schauspieldirektor, Gustav Rueb, bei der Ankündigung seiner Inszenierung von Ibsens „Volksfeind“. Und wirklich: Der in Berlin lebende ukrainische Journalist und Schriftsteller Dimitrij Gawrisch folgt zwar ziemlich eng der ursprünglichen Handlung, hat sie aber sprachlich und gesellschaftlich ins Heute verlegt.
Deutlich modernisiert ist die Rolle der Frau. Dass aus dem Chefredakteur Hovstad eine Chefredakteurin Annika Hovstad wurde, ist da noch das Geringste an Fortschritt. Bei Ibsen füllte die Arzt-Gattin die klassische (Haus-)Frauenrolle aus: Als Realistin ist sie schon recht skeptisch gegenüber den hochfliegenden Plänen ihres Mannes, aber letzten Endes gibt sie ihm recht und stellt sich im Zweifel hinter ihn. Und Tochter Petra: Als Lehrerin schon recht emanzipiert und mit wachem Geist; vor allem teilt sie die fortschrittlichen und kritischen Positionen ihres Vaters. Die Detmolder Inszenierung fasst beide in der Rolle Petras zusammen und wertet diese damit deutlich auf. Sie hat durchaus die Skepsis ihrer Mutter geerbt und zweifelt früh an der Dauerhaftigkeit und Verlässlichkeit der „Volksmeinung“ zugunsten ihres Vaters. Umso konsequenter unterstützt sie ihn dann später. Ihre Emanzipation ist deutlicher akzentuiert, und vor allem erhält sie die Aufgabe, als Lotsin, als eine Art Brecht’sche Erzählerin durchs Stück zu führen und dabei die Verbindung zu bedeutsamen Zeit-Strömungen herzustellen.
So räsoniert die Lehrerin Petra über die Schwächen des Bildungswesens (kurz vor der Premiere erlebte Deutschland einen neuen „Pisa-Schock“). Vor allem aber gibt die Inszenierung der Medien-Kritik angemessen Raum, kein Wunder, angesichts der unrühmlichen Rolle, die der „Landes-Bote“ in der Kurbad-Affäre spielt (in meinen Texten heißt die Zeitung „Volksbote“ – ist der neue Titel eine Anspielung auf die örtliche „Landes-Zeitung“? So, wie es für den Karrieresprung des ursprünglich radikal-oppositionellen Volksboten-Redakteurs zum Pressesprecher des Bürgermeisters ein reales Vorbild gibt?)
Presse-Kritik gab’s natürlich schon zu Ibsens Zeiten, die hat aber heute durch Social Media eine völlig andere Qualität gewonnen: Da „der Algorithmus“ vor allem negativen Schlagzeilen zu Erfolg verhilft, wächst das „Interesse, Konflikte hochzukochen … Willkommen im medialen Hyper-Kapitalismus“.
Außer Frau Käte Stockmann sind in Detmold weitere (Neben-)Figuren gestrichen. Da fragt man sich als Zuschauer, wie das Regieteam wohl das Problem lösen wird, dass es einen ganzen Saal mit einer „Menge Bürger aller Stände“ füllen muss, welche dem Show-Down zwischen Arzt und Bürgermeister beiwohnen. Eine pfiffige Idee: Da der Kurarzt in der feindlich gesinnten Stadtgesellschaft keinen Raum für seinen geplanten Vortrag bekommt, darf er den Vortrag im Theater halten. Und voilà: schon haben wir einen voll besetzten Saal, aus dessen Tiefe ein paar elektronisch verstärkte Stimmen für den angemessenen Radau sorgen (gleichzeitig beweist sich das Theater als demokratische Institution, die allen eine Stimme gibt, auch den von der Obrigkeit Diskriminierten!).
Dieser Vortrag wird für den Arzt zum Debakel. Seine Enttäuschung über die Ignoranz der Menschen, seine Wut über die Manipulation durch die Obrigkeit verleiten ihn letztlich dazu, die Anwesenden zu beschimpfen – worauf ihm dann endlich der Titel „Volksfeind“ verliehen wird.
Der Schluss gehört Petra. Der Kurs der Kurbad-Aktien ist ins Bodenlose gefallen, und Petra nutzt die Gelegenheit, alle aufzukaufen (bei Ibsen war es ein Verwandter). Jetzt, als Alleineigentümerin schwelgt sie in euphorischen Allmachtsphantasien: Mit einer Kalaschnikow mäht sie alle Widersacher nieder (dass sich dies in einer Nebelwolke abspielt und dass die Erschossenen immer wieder aufstehen, lässt vermuten, dass es sich dabei um eine Traumsequenz, eine surreale Szene handelt).
Da klingen ihre Pläne am Ende (etwas!) realistischer: „Ich entlasse den Bürgermeister … oder … Ich verteile die Aktien unters Volk … oder … Ich baue auf dem Gelände eine neue Art von Schule … oder …“
Die Rolle der Wissenschaft
In den (im Programmheft abgedruckten) Interviews mit Autor und Regisseur bemerkt man unterschiedliche Akzente: Dmitrij Gawrisch sieht den „Volksfeind“ als „hochaktuellen Kommentar zu unserer Gegenwart, das ‚Stück der Stunde‘“, ausdrücklich mit Bezug auf die Klimakrise:
„Klimawissenschaftler*innen schlugen Alarm … beschlossene Maßnahmen reichten nicht aus, um die Erderwärmung zu begrenzen. Aus Teilen der Politik und bürgerlich-konservativer Medien kam heftige Gegenwehr: Aber die Wirtschaft! Aber unser Wohlstand!“
Gustav Rueb setzt dagegen einen Schwerpunkt auf die „Frage: Was ist Wahrheit? Was sind wissenschaftliche Fakten?“ und verweist auf „Themen wie die Klimakrise“. Wenn Dramaturgin Katrin Aissen ihn mit der Behauptung konfrontiert, die „Wahrheit [sei] eher auf der Seite von Dr. Stockmann“ dann findet er das „einerseits richtig; andererseits gibt es immer mehrere Blickwinkel“. Eine solche Position vertritt auch die AfD, wenn sie immer darauf hinweist, es gäbe ja auch Wissenschaftler, welche den menschengemachten Klimawandel bestritten – dabei aber verschweigt, dass diese deutlich weniger als 10 Prozent der anerkannten Fach-Wissenschaftler ausmachen (also derer, die ihre Ergebnisse in renommieren Fachzeitungen veröffentlichen).
Es mag verständlich sein, wenn Rueb trotz solcher Mehrheitsverhältnisse auf das Gegeneinander von zwei (gleichgewichtigen?) Meinungen setzt. Ein Drama ist nun mal klassischerweise die Auseinandersetzung Protagonist – Antagonist und „mehrere Blickwinkel im Theater [sind] interessanter“. Na gut!
Was ich der Regie aber übelnehme, ist die Karikatur, in die sie den Badearzt verwandelt. Der wird vom gewissen- und ernsthaften Wissenschaftler, der akribisch Proben nimmt, Daten auswertet und seine Ergebnisse konsequent vertritt, zu einem Michael Kohlhaas, zu einem Rumpelstilzchen – kurz: zu einer lächerlichen Witzfigur, die keiner mehr für voll nimmt. Und damit wird auch das Anliegen des Arztes – und (wenn wir Gawrischs Bezug auf die Klimakrise ernst nehmen) damit auch der Klimaschutz-Bewegung – diskreditiert und lächerlich gemacht. Damit betreibt das Landestheater das Geschäft von Reiche, Weidel & Co.
Die Darsteller
Je negativer die Figur Dr. Stockmanns – desto beachtlicher die Leistung des Darstellers! Es ist faszinierend, wie Sebastian Zumpe die Stimmungsschwankungen
des Arztes nachzeichnet: mal nüchtern-planend, mal hoffnungsvoll-euphorisch, eben noch weinerlich, gleich wieder aktivistisch … Der begeisterte Beifall des Premieren-Publikums: wohl-verdient!
Auch die andern überzeugen: Der Bürgermeister als jovial-brutal-gerissener Machtmensch: mal wieder eine Paraderolle für Patrick Hellenbrand. – Paraderolle auch für Finn Nachfolger: Petra Stockmann in ihrer Doppelfunktion als engagierte Tochter und als kommunikative Erzählerin. – Ewa Noack als Chefredakteurin vermittelt eine Ahnung davon, welchen Zwängen heutzutage die Macherinnen „klassischer“ (altmodischer) Presseerzeugnisse unterworfen sind. – Emanuel Weber als (wort-)radikaler Redakteur führt vor, wie subtil man eine Chefin mobbt und wie selbstverständlich man den Karrieresprung von einem Lager ins andere schafft. – Und Adrian Thomser gibt glaubhaft den bürokratischen Verleger, der sein Mäntelchen in den jeweils angenehmsten Wind hängt, und den Vereinsfunktionär, dem jede Übertreibung ein Graus ist.
Landestheater Detmold:
Ein Volksfeind
von Henrik Ibsen in einer Fassung von Dmitrij Gawrisch
Deutsche Erstaufführung
Besetzung
- Regie / Video Gustav Rueb
- Bühne Jule Dohrn-van Rossum
- Kostüm Nina Kroschinske
- Dramaturgie Katrin Aissen
- Licht Jonas Müller
- Petra Stockmann, Lehrerin Finn Nachfolger
- Thomas Stockmann, ihr Vater, Badearzt Sebastian Zumpe
- Peter Stockmann, sein älterer Bruder, Bürgermeister, Vorsitzender des lokalen Kurbades Patrick Hellenbrand
- Annika Hovstadt, Chefredakteurin des Landes-Boten Ewa Noack
- Philipp Billing, Redakteur des Landes-Boten Emanuel Weber
- Sören Aslaksen, Verleger des Landes-Boten, Buchdrucker Adrian Thomser
- Statisterie




