Emilia Galotti
Von Gotthold Ephraim Lessing
BESETZUNG
Emilia Galotti Julia-Mareen Korte
Odoardo Galotti Alexander Wilß
Claudia Galotti Nicole Kersten
Hettore Gonzaga, Prinz von Guastalla Felix Witzlau
Marinelli, Kammerherr des Prinzen David Lukowczyk
Graf Appiani Gregor Wesgerber
Gräfin Orsina Claudia Sutter
Regie Alexander Vaassen / Bühne Anna Arman / Kostüme & Musik Wynonna Nixel / Körperarbeit Nadia Kevan / Textcoaching Michael Steindl / Dramaturgie Eva Veiders / Theatervermittlung Markus Wegner / Regieassistenz Angelina Klassen & Hannah Wolfhagen / Soufflage Hermann Holstein / Inspizienz Robert Häselbarth / Technischer Leiter Klaus Herrmann / Bühnenmeister Sven Belzer / Programmierung Bühne Pascal Franke & Philipp Neiteler / Beleuchtungsmeister & Einrichtung Licht Marcus Krömer / Programmierung Licht Viviane Wiegers / Betreuung Licht Alexanda Heller & Viviane Wiegers / Ton Sarah Fuhr & Till Petry / Leitung Dekorationswerkstätten Jens Reimann / Requisite Sona Ahmadnia & Annette Seidel-Rohlf / Leitung Kostümabteilung Claudia Schinke / Maske Ulla Bohnebeck & Henriette Masmeier
Lessing entfaltet in seinem bürgerlichen Trauspiel eine gleichermaßen adelskritische wie tragische Handlung, in deren Zentrum die junge Bürgerliche Emilia Galotti steht. Noch am Morgen ihres Hochzeitstags scheint Emilias Weg klar vorgezeichnet. Ein passender Ehemann ist gefunden und die gesellschaftliche Stellung der Galottis gesichert: Emilia heiratet den Grafen Appiani. Allerdings wähnt sich zeitgleich der leichtlebige Prinz von Guastalla unsterblich in das Mädchen verliebt. Er will die Hochzeit mit allen Mitteln und der Unterstützung seines Kammerherren Marinelli verhindern – was nach einem vorgetäuschten Überfall auf die Hochzeitskutsche des Brautpaars für Appiani tödlich endet. Emilia indessen wird bei dieser Gelegenheit auf das Lustschloss des Prinzen gebracht. Die ahnungsvolle Mutter Claudia, der zutiefst beunruhigte Vater Odoardo und die unlängst abservierte Geliebte des Prinzen, Gräfin Orsina, folgen bald dorthin nach. Als Orsina die Zusammenhänge begreift, spitzt sich die Situation zu: Sie verrät dem bis zur Raserei um die Unschuld seiner Tochter besorgten Vater die mutmaßlich Verantwortlichen und die amourösen Absichten des Prinzen – eine folgenschwere Entscheidung. Innerhalb eines Tages ist Emilias Welt vollständig zerstört, während andere über ihr Schicksal entscheiden.

Gotthold Ephraim Lessing
Lebenslauf
Gotthold Ephraim Lessing wurde am 22. Januar 1729 in Kamenz in der Oberlausitz geboren.
Sein Vater Johann Gottfried Lessing war Pastor primarius an der dortigen Hauptkirche, der auch kirchliche Schriften verfasste. Seine Mutter Justine Salome, geborene Feller, war die Tochter des Amtsvorgängers ihres Mannes. Bereits früh wurde Lessing von seinem ehrgeizigen Vater durch Privatunterricht vorbereitet auf Schule und Studium. Von 1737 bis 1741 war er dann Schüler der Kamenzer Lateinschule. Danach besuchte er bis 1746 die Fürstenschule St. Afra in Meißen. Aus dieser Zeit stammen auch die ersten schriftstellerischen Anfänge. Aufgrund seiner guten Leistungen konnte er 1746 die Meißener Eliteschule vorzeitig beenden. Sein in diesem Zeitraum fertig gestelltes Lustspiel „Der junge Gelehrte“ wurde 1748 mit viel Erfolg von der Neuberischen Theatergruppe aufgeführt. Nach dem Schulabschluss begann er ein Theologiestudium an der Universität in Leipzig. Doch seine Vorliebe galt dem Theater. Aus dieser Zeit stammen die ersten veröffentlichten Gedichte in der Zeitschrift „Naturforscher“ und in den „Ermunterungen zum Vergnügen des Gemüths“, die von Christlob Mylius, einem Verwandten, herausgegeben wurde.
Lessing wurde von seinem Vater nach Hause gerufen, da er befürchtete, sein Studium zu vernachlässigen. 1748 fing er an, Medizin zu studieren. Im gleichen Jahr eilte er nach Berlin, um seinen Gläubigern aus dem Weg zu gehen. Dort arbeitete er als freier Schriftsteller – wohl der wirklich erste freiberufliche. Er betätigte sich zusammen mit Mylius als Herausgeber der Zeitschrift „Beiträge zur Historie und Aufnahme des Theaters“, die er als „Theatralische Bibliothek“ ab 1754 allein fortsetzte. Neben Übersetzungen, Rezensionen wissenschaftlicher und literarischer Arbeiten und Gedichten erstellte er in dieser Berliner Zeit die beiden Typenkomödien „Der Freygeist“ und „Die Juden“ (1749). Besonders als Rezensent machte er sich einen Namen, indem er den Gegner in das Streitgespräch mit einbezog und polemisierte. Ab dem Jahr 1751 war er Redakteur bei der „Berlinischen Priveligirten Zeitung“. Das Jahr darauf beendete er in Wittenberg sein Studium als Magister der Philosophie.
Schon im November 1752 befand er sich wieder in Berlin, übersetzte Schriften von Friedrich II und Voltaire und setzte seine „Theatralische Bibliothek“ in loser Folge fort. Dies erwies sich als ehrgeiziges Projekt, in dem die kritische Universalgeschichte des Theaters erscheinen sollte. Sie blieb unvollendet. In den Jahren zwischen 1553 und 1755 erschienen seine gesammelten Arbeiten in der sechsteiligen Reihe „Schrifften“. 1754 lernte er in Berlin Moses Mendelssohn und Friedrich Nicolai kennen. Im Frühjahr 1755 entstand das bürgerliche Trauerspiel „Miß Sara Sampson“. Es setzte in Deutschland neue Maßstäbe gegenüber der von Christoph Gottsched vorgegebenen Gattungsgrenze, indem die Tragödie im bürgerlichen Milieu spielt. Sie stellt nicht mehr hohe öffentliche Staatsangelegenheiten aus Adelskreisen dar, sondern die persönlichen Probleme von Privatleuten. Das war das Unerhörte, die Abwendung vom französischen Klassizismus, hin zum nationalbürgerlichen Theater. Damit hatte Lessing beim Theaterpublikum viel Erfolg. Er entwickelte im Briefverkehr mit Moses Mendelssohn und Friedrich Nicolai eine Theorie über die moralische Wirkung der leidenschaftlichen Erregung.
Für Lessing kam der Tragödie die Funktion zu, Mitleid zu erregen. Und für ihn war ein mitleidsfähiger Mensch der beste, der alle „gesellschaftlichen Tugenden“ in sich vereinigt. Auch in der Komödie vollzog er die Annäherung zur bürgerlichen Dimension wie das Beispiel von „Minna von Barnhelm oder das Soldatenglück“ (1767) zeigt. Er wandte sich gegen das Verlachen in Gottsched`scher Manier. Im August 1756 stoppte der Ausbruch des Siebenjährigen Krieges eine mehrjährige Bildungsreise des reichen Kaufmanns Christian Gottfried Winkler durch ganz Europa, auf die ihn Lessing begleiten sollte. Er zog wieder nach Leipzig und befreundete sich mit dem preußischen Major und Dichter Ewald von Kleist an. Im Mai 1758 begab sich Lessing wieder nach Berlin, wo er an den „Briefen die Neueste Litteratur betreffend“ (1759 – 1765) mitarbeitete. Das viel beachtete Werk wurde bei Friedrich Nicolai verlegt. Völlig überraschend für seine Freunde in Berlin nahm er 1760 eine Stelle als Regimentssekretär beim preußischen General Tauentzien in Breslau an. Noch kurz zuvor entstand das Trauerspiel „Philotas“ (1759), in dem Lessing die Unmenschlichkeit des Krieges und den blinden Heldenmut aburteilt. Die Zeit in Breslau dauerte bis 1765, in der er in seiner festen Anstellung keine Geldsorgen hatte und sich seiner Spielleidenschaft hingeben konnte. Zeit genug zum Schreiben blieb ihm dennoch. So entstanden Milieustudien zur „Minna von Barnhelm oder das Soldatenglück“, worin seine Erfahrungen mit dem Militärmilieu und der preußischen Polizei so real zur Darstellung kamen, dass sich die Zensur rührte. Lessing kam zurück nach Berlin und nahm seine schriftstellerische Arbeit wieder auf. 1766 erschien die ästhetische Abhandlung „Loakoon: oder über die Grenzen der Mahlerey und Poesie“, ein umfangreicheres Werk, das besonders von jüngeren Leuten begeistert aufgenommen wurde. Seine Pläne, Bibliothekar an der königlichen Bibliothek in Berlin zu werden, erfüllten sich nicht. Lessing widmete sich engagiert der Mitarbeit als Berater und Dramaturg an dem neu gegründeten Nationaltheater in Hamburg.
Doch schon weniger als ein Jahr später, 1769, musste das ehrgeizige Projekt eingestellt werden wegen mangelnder Publikumsinteressen. Lessing nahm im September die Stelle als Bibliothekar an der berühmten herzoglichen Bibliothek in Wolfenbüttel an. In den ersten Jahren dieser Wolfenbütteler Zeit war er schriftstellerisch wenig tätig. 1771 erschien das Trauerspiel „Emilia Galotti“, in dem Lessing den Missbrauch fürstlicher Gewalt und die bürgerliche Ohnmacht kritisiert. Von 1774 bis 1778 veröffentlichte er radikal deistische und bibelkritische Schriftstücke aus dem Nachlass von Hermann Samuel Reimarus. Diese Herausgebertätigkeit handelte ihm besonders die Kritik des Hamburger Hauptpastors Johann Melchior Goeze ein. Es folgte ein ausgedehnter Streitschriftenverkehr zwischen Lessing und Goeze. Die vernunftorientierten Verteidigungsschriften des Bibliothekars wie zum Beispiel „Über den Beweis des Geistes und der Kraft (1777) oder „Anti-Goeze 1 – 11“ (1778) beweisen ein hohes Maß an Sprachschärfe, Ausdruckskraft und Polemik. Sie fordern ganz im aufklärerischen Sinne, dass sich selbst die Religion den Kriterien der Vernunft zu unterziehen habe. Auf einer Reise nach Wien und Italien begleitete er 1775 bis 1776 den Prinzen Leopold von Braunschweig.
Nach der Rückkehr heiratete er die Hamburger Kaufmannswitwe Eva König, mit der er seit 1771 verlobt war. Doch sie starb schon 1777 nach der Geburt des Sohnes, der ebenso verstarb. Das Angbot, an das Mannheimer Nationaltheater zu kommen, lehnte Lessing ab, die schlechten Erfahrungen in Hamburg waren noch nicht vergessen. In seinen letzten Jahren in Wolfenbüttel wandte er sich theologischen Fragen zu. Da der Streit mit Pastor Goeze von oben beendet wurde, setzte Lessing den Streit auf anderer Ebene fort. In dieser Weise ist sein einziges Versdrama „Nathan der Weise“ (1799) zu sehen. Durch das moral- und geschichtsphilosophische Stück kam der Blankvers als klassischer deutscher Dramenvers zu bedeutender Geltung. Im „Nathan“ fordert Lessing auf zu Toleranz und Menschlichkeit. 1780 erschien die theologisch-geschichtsphilosophische Schrift „Die Erziehung des Menschengeschlechtes“. Sie ist als thematische Fortführung des „Nathan“ zu betrachten. Auch auf dem Gebiet des Epigramms und besonders der Fabelkunst war Lessing in bedeutender Weise tätig.
Geschichte
Lessing bemühte sich stets, der Fabel ihre originäre Schärfe im Sinne von Äsop wiederzugeben. Neben Lessing Theaterstücken und anderen Stücken entstanden zahlreiche literaturkritische und gattungstheoretische Werke wie zum Beispiel der „17. Literaturbrief“ (1759), der „Briefwechsel über das Trauerspiel“ (1756 – 1757) oder die posthum veröffentlichte „Hamburger Dramaturgie“. Gotthold Ephraim Lessing verstarb am 15. Februar 1781 in Braunschweig.
Quelle: https://whoswho.de/bio/gotthold-ephraim-lessing.html
// Biografische Aspekte. Ein Leben zwischen künstlerischem Anspruch und der ökonomischen Lebenswirklichkeit
Der Lessing-Biograf Hugh Barr Nisbet hat sich die Mühe gemacht, einmal alle Betätigungsfelder Lessings aufzuzählen, wie das folgende Zitat eindrücklich beweist:
„Lessing war Dichter und Dramatiker, Literaturtheoretiker, Kritiker, Historiker der Literatur, Kunst und Religion, klassischer und mediävistischer Philologe, Paläograph, Bibliothekar und Archivar, Philosoph und Ästhetiker, gut informierter Amateur in Theologie und Patristik, Übersetzer aus mehreren Sprachen und außerordentlich produktiv als Rezensent und Herausgeber. Zu den Literaturgattungen, in denen er sich auszeichnete, gehören die Ode, das Lied, das Lehrgedicht, die Verserzählung, das Epigramm, die Fabel, der Aphorismus, die Komödie und Tragödie, das Parabelstück, Dialog, Satire und Polemik; die einzigen seinerseits gängigen Gattungen, in denen er sich auffälligerweise nicht versuchte, waren der Roman und das Versepos.“
Quelle: Hugh Barr Nisbet: Lessing – Eine Biographie. München: C.H. Beck, 2008
// Wahrheitssucher
Ein Wahrheitssucher wurde Lessing gern genannt, ein Wahrheitssucher allerdings, der seine Aussagen nie als dogmatisch begriff, sondern der eine gewisse Skepsis gegenüber allem bewahrte. Hannah Arendt erhielt am 28. September 1959 den Lessing-Preis der Freien und Hansestadt Hamburg. In ihrer Rede sprach sie auch über Lessing: „Was Lessing betrifft, so hat ihn das gefreut, was die Philosophen seit eh und je […] so bekümmert hat, nämlich daß die Wahrheit, sobald sie geäußert wird, sich sofort in eine Meinung unter Meinungen verwandelt, bestritten wird, umformuliert, Gegenstand des Gesprächs ist wie andere Gegenstände auch. Nicht nur die Einsicht, daß es die eine Wahrheit innerhalb der Menschenwelt nicht geben kann, sondern die Freude, daß es sie nicht gibt und das unendliche Gespräch zwischen den Menschen nie aufhören werde, solange es Menschen überhaupt gibt, kennzeichnet die Größe Lessings.“
Quelle: Hannah Arendt: Rede am 28. September 1959 bei der Entgegennahme des Lessing-Preises der Freien und Hansestadt Hamburg. Hamburg: Europäische Verlagsanstalt, 1999
2 Voraussetzungen und Quellen // Mitleiden
Es beruhet aber alles auf dem Begriffe, den sich Aristoteles von dem Mitleiden gemacht hat. Er glaubte nämlich, daß das Übel, welches der Gegenstand unsers Mitleidens werden solle, notwendig von der Beschaffenheit sein müsse, daß wir es auch für uns selbst, oder für eines von den Unsrigen, zu befürchten hätten. Wo diese Furcht nicht sei, könne auch kein Mitleiden stattfinden. […]
Nicht genug also, daß der Unglückliche, mit dem wir Mitleiden haben sollen, sein Unglück nicht verdiene, ob er es sich schon durch irgendeine Schwachheit zugezogen: seine gequälte Unschuld, oder vielmehr seine zu hart heimgesuchte Schuld sei für uns verloren, sei nicht vermögend, unser Mitleid zu erregen, wenn wir keine Möglichkeit sähen, daß uns sein Leiden auch treffen könne.
Diese Möglichkeit finde ich alsdenn, und könne zu einer großen Wahrscheinlichkeit erwachsen, wenn ihn der Dichter nicht schlimmer mache, als wir gemeiniglich zu sein pflegen, wenn er ihn vollkommen so denken und handeln lasse, als wir in seinen Umständen würden gedacht und gehandelt haben, oder wenigstens glauben, daß wir hätten denken und handeln müssen; kurz, wenn er ihn mit uns von gleichem Schrot und Korne schildere. Aus dieser Gleichheit entstehe die Furcht, daß unser Schicksal gar leicht dem seinigen eben ähnlich werden könne, als wir ihm zu sein uns selbst fühlen: und diese Furcht sei es, welche das Mitleid gleichsam zur Reife bringe.
Quelle: Gotthold Ephraim Lessing: Hamburgische Dramaturgie [1767], Leipzig 1972
Frauenbild
An dieser Stelle sei kurz auf die bereits gestellte Frage nach der Intention des Autors eingegangen, die ja nicht nur von Kollegiaten, Schülern und Studenten immer dann gestellt wird, wenn sich die Deutungskontroversen nicht zu einer befriedigenden Synthese zusammenbinden lassen. Auch von Teilen der Forschung wird hier die Lösung erwartet, z.B. wenn es um die Wichtigkeit der weiblichen Heldin oder Nicht-Heldin, um ihren aktiven bzw. passiveren Anteil am Verlauf der Handlung, insbesondere an der Schlußszene geht, zugespitzt, um die Frage:
Ist es einer solchen Frau wie der Emilia zuzutrauen, einen so tief moralischen Mann – wie ihren Vater Odoardo Galotti – dahin zu bringen, sie zu töten, um damit die patriarchale bürgerliche Moral zu zementieren? Von den oben zitierten Autoren der Sekundärliteratur wird zur eigenen Urteilsfindung ein und derselbe Brief Lessings an seinen Bruder Karl vom 10.2.1772 angeführt, dessen Auslegung jedoch recht unterschiedlich ausfällt:
“Was du von dem Charakter der Emilia sagst, hat viel Wahres. Aber so ganz recht kann ich Dir doch nicht geben, aus folgenden Ursachen:
1.
Weil das Stück Emilia heißt, ist es darum mein Vorsatz gewesen, Emilien zu dem hervorstechenden Charakter zu machen? Ganz und gar nicht. Die Alten nannten ihre Stücke wohl nach Personen, die gar nicht aufs Theater kamen.
2.
Die jungfräulichen Heroinen und Philosophinnen sind gar nicht nach meinem Geschmacke. Wenn Aristoteles von der Güte der Sitten handelt, so schließt er die Weiber und Sklaven ausdrücklich davon aus. Ich kenne an einem unverheirateten Mädchen keine höheren Tugenden, als Frömmigkeit und Gehorsam.
3.
Am Ende wird denn auch freilich der Charakter der Emilia interessanter, und sie selbst thätiger – Nur käme das ein wenig zu spät, wenn es wahr wäre, daß sie schon einen kleinen Begriff von sich erweckt hätte. – Doch so sey auch mit dem allem, wie es wolle; wenn das Stück nur im ganzen Wirkung hervorbringt.“
[…] Wie paßt das zur Aussage des Dramentexts, wie z.B.
Odoardo:
„Ich habe es immer gesagt: Das Weib wollte die Natur zu ihrem Meisterstücke machen. Aber sie vergriff sich im Tone, sie nahm ihn zu fein. […] (V,7]
Oder zu philosophischen Einsichten aus dem Munde der Orsina:
„Wie kann ein Mann ein Ding lieben, das, ihm zum Trotze, auch denken will? Ein Frauenzimmer, das denkt, ist ebenso ekel, wie ein Mann, der sich schminket. […]“ (IV,3)
Hier stehen m.E. verschiedene Aussagen Lessings neben – wenn nicht gegeneinander, die ein wichtiges Zeugnis für die Widersprüchlichkeit der Zeit und Denkweise Lessings abgeben, dem heutigen Literaturunterricht und seinem Bemühen um Deutung aber zumindest nebeneinander zur Verfügung gestellt werden müssen: das eine gilt ebenso wie das andere, und es ist von keiner „Instanz“ her entscheidbar, welche „Stelle“ uns (endgültig) Lessings Frauenbild erhellen könnte.
Quelle: Maria Kublitz: Maskierungen des weiblichen Sprechens – eine feministische Lesart der „Emilia Galotti“. In: Diskussion Deutsch. 1989;20:4-18.
// Machtkampf, pattgesetzt
Vielleicht ist Italien als Spielort der Emilia Galotti eine Anlehnung an die Verginia-Legende, sicher ist aber, dass Lessing vermeiden wollte, einen direkten Zusammenhang zwischen seinem Drama und der gegenwärtigen Situation im deutschen Staat herzustellen, um eventuelle Zensur zu umgehen. Zumal Lessing zum Zeitpunkt der Premiere als Bibliothekar der herzoglichen Büchersammlung Angestellter des regierenden Herzogs Karl I. von Braunschweig-Lüneburg war. Mit der Verlegung nach Italien sollte nicht explizit auf dort herrschende Missstände aufmerksam gemacht werden – vermutlich hätte die Geschichte überall seinen Lauf nehmen können.
Der „Prinz“ – Lessing gebraucht das Wort im Sinne von ‚Fürst’ – ist eben als solcher eindeutig bestimmt. Es ist einer der zahlreichen Gebieter von kleinen Fürstentümern, die die politische Wirklichkeit zu Lessings Zeit dominierten. Es wird in einem real existierenden winzigen Herzogtum in Oberitalien angesiedelt.
Das wirkliche Guastalla, eine Residenzstadt von 2000 – 4000 Seelen mit nur wenig umliegenden Gebieten, auf die sich die Herrschaft erstreckte, hatte seine Bedeutung vor allem als Teil eines politischen Plurals. Es gehörte zu den Höfen und Festungen, die sich vom Kaiser oder von anderen, mächtigen Städten für Bündnisse gewinnen ließen, meist gegen das bedrohliche, reiche Milano. (Seine lokale Bedeutung für die Sicherung des fruchtbaren Landes gegen die Fluten des Po blieb im Drama außer Betracht). Lessings „Prinz“ gehört einem Geschlecht an, das dort wirklich vom 16. Jahrhundert an regiert hatte und Mitte des 18. Jahrhunderts ausgestorben war, einer Nebenlinie der berühmten Gonzaga, die in Mantua und weiteren Stadtgebieten (darunter Sabbioneta) herrschten. Die Guasallischen Gonzaga galten als ziviler und weniger „brutal“ als die mächtigen Vettern in Mantua; sie werden bis heute (oder heute wieder) von „ihrer“ Stadt hoch verehrt. Lessing erteilt seinem Helden einen Vornamen (Hettore), der gut italienisch klingt, doch in dieser Familie nicht vorgekommen war, die italienische Form von Hektor, dem Helden des alten Troja, von dem die ganze Tradition von Homer bis auf Lessings Zeiten nur Positives zu berichten wußte. Mit diesen halb realen, halb fiktiven Festlegungen war das Spielgeschehen hinreichend bestimmt und genügend allgemein und vage gehalten. Die gegenwärtige Obrigkeit wurde nicht mit der Nase darauf gestoßen, daß sie selbst gemeint sein könnte, und das Publikum konnte sich seinen Teil denken. Lessings gebildete Zeitgenossen waren es gewohnt, ihre Verhältnisse in fremden Ländern, auch in weit exotischeren als Italien, gezeichnet zu finden. Die leisen Anklänge an die Renaissance und die Verwendung eines Familiennamens, den es nicht mehr gab, ließen kaum an vergangene Zeiten denken. Dazu waren die dargestellten Zustände, die Form der Konflikte und ihre Austragung, die Denk- und Sprechweise viel zu gegenwärtig. Lessing stellt ein Exemplar des Herrschers auf die Bühne, wie dieser damals prinzipiell, seiner gesellschaftlichen Funktion nach beschaffen war, wie er in Italien ebenso vorkam wie in Deutschland. Viele Leser und Zuschauer aus den verschiedensten Fürstentümern des Reiches (nicht einmal die Stadtstaaten ausgenommen) reagierten auf die Darstellung so, als sei ihnen dieser Typ aus ihren eigenen spezifischen Erfahrungen bestens bekannt.
Quelle: Gerhard Bauer: G.E. Lessing – „Emilia Galotti“. München: Wilhelm Fink, 1987
// Historische Vorgängerin Emilias: Verginia
Der römische Geschichtsschreiber Livius berichtet über die Legende der Plebejerin Verginia, die von ihrem Vater ermordet wurde. Grund war die Behauptung des römischen Decemvirs Appius Claudius, Verginia sei in Wirklichkeit die Tochter einer Sklavin. Die Decemviri war eine Kommission aus zehn Männern, die die Aufgabe hatten, mündlich überlieferte Gesetzestexte in Schriftform zu bringen. Wäre der Behauptung Glauben geschenkt worden, hätte Verginia nicht nur ihre Ehre, sondern vielmehr auch ihre Bürgerrechte verloren, so dass der Vater nur den Tod seiner Tochter als Ausweg sah. Der Fall hatte den Sturz der Decimviri und im Zuge dessen die Wiedereinführung der Republik zur Folge. Verginia verkörperte lange das Ideal der sittsamen Frau. Zahlreichen Autoren diente die Legende der Verginia als Vorlage für Dramen und auch Lessing beschäftigte sich ausführlich damit.
In einem Brief an Friedrich Nicolai schrieb Lessing:
„Sein jetziges Sujet ist eine bürgerliche Verginia, der er den Titel Emilia Galotti gegeben. Er hat nemlich die Geschichte der römischen Virginia von allem dem abgesondert, was sie für den ganzen Staat interessant machte; er hat geglaubt, daß das Schicksal einer Tochter, die von ihrem Vater umgebracht wird, dem ihrer Tugend werter ist, als ihr Leben, für sich schon tragisch genug, und fähig genug sei, die ganze Seele zu erschüttern, wenn auch gleich kein Umsturz der ganzen Staatsverfassung darauf folgte. […]“
Lessing wollte mit Emilia Galotti eine moderne, bürgerliche Verginia schaffen, dabei aber eine politische Dimension zu Gunsten des Privaten vermeiden. Indem er auf den Staatsstreich verzichtete, richtete er die volle Konzentration auf das Schicksal der Figuren, ganz im Sinne seines 14. Briefes der Hamburgischen Dramaturgie.
„Die Namen von Fürsten und Helden können einem Stücke Pomp und Majestät geben; aber zur Rührung tragen sie nichts bei. Das Unglück derjenigen, deren Umstände den unsrigen am nächsten kommen, muß natürlicherweise am tiefsten in unsere Seele dringen; und wenn wir mit Königen Mitleiden haben, so haben wir es mit ihnen als mit Menschen, und nicht als mit Königen. Macht ihr Stand schon öfters ihre Unfälle wichtiger, so macht er sie darum nicht interessanter. Immerhin mögen ganze Völker darein verwickelt werden; unsere Sympathie erfordert einen einzeln Gegenstand, und ein Staat ist ein viel zu abstrakter Begriff für unsere Empfindungen.“
(Projekt Gutenberg: Gotthold Ephraim Lessing – Hamburgische Dramaturgie, 14. Brief, 176/ Römische Geschichte Kapitel 44 – 48 (in Auszügen) von Titus Livius: Römische Geschichte übersetzt von Konrad Heusinger, Bd. 1. Braunschweig, Vieweg, 1821)
Dem Appius Claudius gab die Liebe zu einer Jungfrau vom bürgerlichen Stande den Entschluß, sie zu entehren. Ihr Vater Lucius Virginius stand bei dem Heere im Algidus als einer der Hauptleute vom höhern Range; zu Hause und im Felde ein musterhafter Mann. Ebenso war seine Frau erzogen, und so erzogen sie auch ihre Kinder. Die Tochter hatte er dem gewesenen Tribun, Lucius Icilius, verlobt, einem unternehmenden Manne und um die Partei der Bürgerlichen von bewährtem Verdienste. Als Appius, der vor Liebe glühend dies erwachsene, außerordentlich schöne, Mädchen durch Geschenke und Versprechungen zu verführen suchte, jeden Zugang durch Keuschheit versperrt sah, so entschloß er sich zu einer grausamen, alles niedertretenden Gewaltthat. Seinem Schützlinge, Marcus Claudius, gab er den Auftrag, sich des Mädchens als seiner Sklavin zu versichern und nicht nachzugeben, wenn man bis zur Entscheidung ihrer Freiheit Aufschub fordere: da die Abwesenheit des Vaters, wie er hoffte, seine Ungerechtigkeit begünstigte. Als das Mädchen auf den Markt kam – denn dort standen unter den Krambuden auch Schulstuben – legte der Kuppler des Decemvirs, indem er sie als seine Sklavin anredete, da sie eine Tochter seiner Sklavin sei, Hand an sie, und befahl ihr, ihm zu folgen; im Weigerungsfalle werde er sie mit Gewalt fortführen. Während das Mädchen vor Schrecken starrte, entstand auf das Geschrei ihrer Amme, welche nach Hülfe rief, ein Auflauf. Ihres Vaters Virginius, ihres Bräutigams Icilius beliebter Name wurde laut genannt. Alle, die sie kannten, machte das Wohlwollen für jene, und den Haufen der Unwille zu Freunden des Mädchens. Schon war sie vor Gewalt sicher, als der Kläger anfing: „Das zusammengelaufene Volk sei hier ganz unnöthig. Er verfahre nach Recht, nicht mit Gewalt.“ – Er forderte das Mädchen vor Gericht. Da selbst die, welche sich ihrer annahmen, ihr riethen, mitzugehen, so kam man vor des Appius Richterstuhl. Der Kläger sagte seine dem Richter, als Erfinder des Stücks, bekannte Rolle auf. „Diese in seinem Hause geborene, ihm gestohlne und dem Virginius ins Haus gebrachte Sklavin, sei diesem als Kind untergeschoben. […]“
Quelle: Hugh Barr Nisbet: Lessing – Eine Biographie. München: C.H. Beck, 2008Emilia Galotti
Von Gotthold Ephraim Lessing
Aufschub fordere: da die Abwesenheit des Vaters, wie er hoffte, seine Ungerechtigkeit begünstigte. Als das Mädchen auf den Markt kam – denn dort standen unter den Krambuden auch Schulstuben – legte der Kuppler des Decemvirs, indem er sie als seine Sklavin anredete, da sie eine Tochter seiner Sklavin sei, Hand an sie, und befahl ihr, ihm zu folgen; im Weigerungsfalle werde er sie mit Gewalt fortführen. Während das Mädchen vor Schrecken starrte, entstand auf das Geschrei ihrer Amme, welche nach Hülfe rief, ein Auflauf. Ihres Vaters Virginius, ihres Bräutigams Icilius beliebter Name wurde laut genannt. Alle, die sie kannten, machte das Wohlwollen für
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jene, und den Haufen der Unwille zu Freunden des Mädchens. Schon war sie vor Gewalt sicher, als der Kläger anfing: „Das zusammengelaufene Volk sei hier ganz unnöthig. Er verfahre nach Recht, nicht mit Gewalt.“ – Er forderte das Mädchen vor Gericht. Da selbst die, welche sich ihrer annahmen, ihr riethen, mitzugehen, so kam man vor des Appius Richterstuhl. Der Kläger sagte seine dem Richter, als Erfinder des Stücks, bekannte Rolle auf. „Diese in
seinem Hause geborene, ihm gestohlne und dem Virginius ins Haus gebrachte Sklavin, sei diesem als Kind untergeschoben. […]“
Quelle: Hugh Barr Nisbet: Lessing – Eine Biographie. München: C.H. Beck, 2008




