Ausstellung | Franz Wanner. Eingestellte Gegenwarten 24. März 2026 – 19. Juli 2026 im LENBACHHAUS München
Franz Wanner. Eingestellte Gegenwarten
24. März 2026 – 19. Juli 2026
Eine Schutzbrille aus Plexiglas steht am Anfang der Ausstellung „Eingestellte Gegenwarten“ von Franz Wanner (*1975, Bad Tölz). Die Brille wurde bei Grabungen auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Sachsenhausen geborgen. Über die inhaftierte Person, die zur Zwangsarbeit in der Rüstungsindustrie eingesetzt war und mit der Brille ihr Augenlicht schützte, gibt es bislang keine auffindbaren Informationen. Ihr Wunsch, sich zu schützen, zeigt sich bis heute an diesem Objekt.
Das Material, aus dem die Brille besteht, wurde 1933 von der deutschen Firma Röhm & Haas unter dem Markennamen „Plexiglas“ vorgestellt und ab 1936 fast ausschließlich in der Rüstungsindustrie für Flugzeugfenster verwendet. In Propagandaausstellungen des NS-Staats wurden die technischen Möglichkeiten des schattenlosen Materials angepriesen. Heute bestehen unterschiedlichste Gegenstände aus Plexiglas, vom Polizeischild bis zur musealen Vitrinenhaube. In der Ausstellung werden solche Gegenstände, losgelöst von ihrer ursprünglichen Funktion zu Verwahrstücken, die den Ausstellungsraum als Tatort markieren. Im Nazismus wurden im Namen des „Kunstschutzes“ auch in Museen wie dem Lenbachhaus Zwangsarbeiter*innen eingesetzt, etwa zur Evakuierung von Kunstwerken bei Luftangriffen, wie Franz Wanner in seinen künstlerischen Analysen erforschte und erstmals öffentlich macht.
Franz Wanner interessiert sich für die Lücke zwischen Realität und Selbstdarstellung der Bundesrepublik. Dafür recherchiert er deren Geschichte und betrachtet aufmerksam, wie diese für die Gegenwart beschönigt, bereinigt und instrumentalisiert wird. Die Ausbeutung von Arbeitskraft ist das zentrale Thema seiner Ausstellung am Lenbachhaus: Im Nazismus war der Einsatz von Zwangsarbeiter*innen in allen gesellschaftlichen Bereichen weit verbreitet. Auf den massiven Strukturen der Zwangsarbeit im Nazismus fußten später die Anwerbeabkommen mit Italien, der Türkei, Griechenland und Jugoslawien. So wurden die Menschen, die ab 1955 angeworben wurden und nach Deutschland zogen, teils in ehemaligen NS-Baracken untergebracht, die als „Gastarbeiterlager“ bezeichnet wurden; die gesetzliche Grundlage der Abkommen basierte auf einer NS-Verordnung aus dem Jahr 1938.
Durch seinen prüfenden Blick auf heutige staatliche Institutionen wie den Geheimdienst und die Polizei, die Verzahnung von universitärer Forschung und Rüstungsindustrie, sowie Deutschlands aktive Rolle in der auf Abwehr ausgerichteten Migrationspolitik der Europäischen Union fragt Wanner, wo und wie sich der Nazismus von einst im Wirtschaftsliberalismus von heute fortschreibt.
Als Artist in Residence des Harun Farocki Instituts entwickelte Franz Wanner die Ausstellung „Mind the Memory Gap“ für das KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst in Berlin. Die Ausstellung am Lenbachhaus beruht auf dieser früheren Präsentation.
Die begleitende Publikation “Franz Wanner. Eingestellte Gegenwarten“ ist in Kooperation mit Kunst Meran Merano Arte im Hirmer Verlag erschienen.
Kuratiert von Stephanie Weber
Lenbachhaus Munich cordially
invites you to the press preview ofFranz Wanner. Suspended Presences
Mon, March 23, 2026 at 11 am
at LenbachhausMarch 24, 2026 – July 19, 2026with Matthias Mühling, Director of Lenbachhaus
Stephanie Weber, Curator of the exhibition
and Franz WannerA pair of Plexiglas safety glasses stands at the beginning of the exhibition „Suspended Presences“ by Franz Wanner (b. 1975, Bad Tölz). The glasses were unearthed during excavations on the grounds of the former Sachsenhausen concentration camp. They belonged to a person who was used for forced labor in the arms industry and wrote them to shield their eyes. To date, no information has been recovered about this person. Their desire to protect themselves is evident to this day.The material of which the glasses were made was brought to market in 1933 by the German company Röhm & Haas under the trademark „Plexiglas.“ In the 1930s, the synthetic material was reserved almost entirely for the war industry to produce plane windows. Propaganda exhibitions by the National Socialist state touted the technical possibilities of the shadowless material. Today, a wide variety of objects are made of Plexiglas, from police shields to museum display cases. For his exhibition, Wanner detaches these objects from their original function to mark the gallery space as a scene of crime. During the Nazi era, forced laborers were exploited in museums including the Lenbachhaus in the name of “art protection,” for example to evacuate artworks during air raids as Franz Wanner’s artistic research has recently revealed.
Franz Wanner is interested in the gap between reality and self-representation of the Federal Republic of Germany. To this end, he researches its history and closely examines how it is embellished, sanitized, and utilized for present-day purposes. The exploitation of labor is the central theme of his exhibition at the Lenbachhaus: under Nazism, forced labor was widespread in all areas of society. It was on the massive structures of Nazi forced labor that Germany’s later recruitment agreements with Italy, Turkey, Greece, and Yugoslavia were founded. As a result, the people who were recruited from 1955 onwards and moved to Germany were partly housed in former Nazi barracks, which were referred to as „guest worker camps;“ the legal basis for the agreements was a Nazi decree from 1938.Through his questioning of state institutions such as the secret service and the police, his research into the interconnection between university research and the arms industry, and Germany’s active role in the European Union’s defensive migration policy, Wanner asks how and where the Nazism of then continues in today’s neoliberal imperative.As artist in residence of the Harun Farocki Institute, Franz Wanner developed the exhibition “Mind the Memory Gap” for the KINDL – Centre for Contemporary Art in Berlin. The exhibition at the Lenbachhaus is based upon this earlier presentation.
The accompanying publication „Franz Wanner: Suspended Presents“ has been released by Hirmer Publishers and in cooperation with Kunst Meran Merano Arte.
Curated by Stephanie Weber