MUT der Frauen WUT auf die Männer ?
Kleists „zerbrochener Krug“ im Detmolder Sommertheater
Vom Langweiler zum Erfolgsstück
„Ein fürchterliches Lustspiel … so was Langweiliges
und Abgeschmacktes …“ – „… besonders wird im letzten Akte
so entsetzlich viel und alles so breit erzählt, dass dem …
Publikum der Geduldsfaden endlich ganz riss …“ (S. 96 + 99 *) )
Das sind nur zwei aus einer ganzen Reihe ähnlicher Klagen über die Uraufführung von Kleists „Der zerbrochene Krug“ am 2. März 1808 in Weimar. Dabei war es kein Geringerer als Goethe, der das Stück inszeniert hatte – woraufhin der (Ex-) preußische Offizier Heinrich von Kleist den Gottvater der deutschen Literatur angeblich zum Pistolen-Duell fordern wollte.
Stattdessen hat sich der – 1777 geborene – Jungspund doch lieber den Vorwurf zu Herzen genommen, sein Stück könne „das Ende nicht finden“ (Wilhelm Grimm, 106) und hat wenigstens anstelle des ausufernden Schlusses (510 Zeilen) einen neuen (60 Zeilen) geschrieben.
In dieser verschlankten Version wurde „Der zerbrochene Krug“ dann doch noch zum Erfolgs-Stück: Schon HEBBEL zählte ihn (die Publikums-Reaktion auf die Goethe’sche Ur-Inszenierung im Sinn?) „zu denjenigen Werken, denen gegenüber nur das Publikum durchfallen kann: Der ergötzlichste Einfall und das farbigste Sittengemälde ist hier zum Genialen gesteigert“ (zit. n. HENSEL, 458). RECLAMs Schauspielführer bescheinigt dieser „genialen Komödie … saftige Komik (mit) Hintersinn“; HENSEL lobt „den hohen Stil dieser bei allem Realismus zarten Komödie“. Und die Zusammenfassung zahlreicher Urteile liefert schließlich HARENBERG: Kleists „Krug“ „gehört zu den besten deutschen Lustspielen“ (594).
Und zu den meistgespielten. Zur Zeit kann man in OWL zwei Versionen vergleichen: in Detmold und in Paderborn.

Fotos: Fotograf Quast
Aber was ist denn nun mit diesem Krug?
Das Stück
Die Vorgeschichte: Der alte Knacker Adam ist scharf auf die knackige junge Eve und nutzt seine Position als Dorfrichter, um in ihre Kammer einzudringen: Angeblich will er mit einem Attest Eves Verlobten Ruprecht vor dem Militärdienst bewahren, doch stattdessen wird er zudringlich. Als Ruprecht auftaucht, flieht Adam vor dessen Prügeln und zerdeppert beim Sprung aus dem Fenster einen wertvollen Krug.
Das Stück setzt am folgenden Morgen ein: Der Richter ist vom nächtlichen Abenteuer noch ziemlich derangiert. Doch gerade heute kommt überraschend der Gerichtsrat Walter, der die dörfliche Rechtspflege überprüfen soll und zu diesem Zweck den heutigen Prozess beobachten will. Und da geht’s ausgerechnet um den zerbrochenen Krug. Eves Mutter, die zungenfertige Marthe, klagt auf Schadenersatz. Gravierender: dass Eves „Ehre in dem Kruge lag“: Weil nachts ein fremder Mann bei ihr war, ist der gute Ruf des Mädchens beschädigt (und damit die Verlobung gefährdet). Richter Adam soll nun den Schuldigen ermitteln. Im Wesentlichen geht‘s also um eine Gerichtsverhandlung – immer mal wieder ein dankbares Thema auf der Bühne (oder im Film) – hier dramatisch gesteigert durch die Tatsache, dass Richter und Schuldiger identisch sind. Kleist selbst hat auf das Vorbild „Ödipus“ hingewiesen. Dass Richter Adam – anders als Ödipus – von Anfang an um seine Schuld weiß, macht die Tragödie zur Komödie.
Verzweifelt präsentiert Adam immer neue Verdächtige, schließlich gar den leibhaftigen Teufel … bis am Ende nach all den Widersprüchen, Indizien, handfesten Spuren und endlich Eves Aussage kein Zweifel mehr an seiner Schuld bleibt.
Adam flieht; doch – wie’s halt so ist! – der alte Sünder kommt glimpflich davon: er wird „zwar von seinem Amt suspendiert“ (Nachfolger wird der schlaue Licht, der bisherige Schreiber), „doch zur Desertion zwingen will (der Gerichtsrat) ihn nicht“. – Die Detmolder Inszenierung greift hier auf Kleists Urfassung zurück: Er werde „wohl auf irgend einem Platze noch zu erhalten sein. Holt ihn wieder.“
Vor allem aber: Eve ist rehabilitiert, so dass zu Pfingsten Hochzeit sein kann. Dabei fragt sich der kritische Betrachter allerdings, wie plötzlich wieder Friede-Freude-Eierkuchen herrschen soll, nach all den schlimmen Vorwürfen und wüsten Beschimpfungen, mit denen Eve von Seiten ihrer Mutter („schamlos, liederlich“) und ihres Verlobten („Metze“ – hier zu „Hure“ modernisiert) überzogen wurde.
Doch noch mal: Kleists Urfassung
Es mag sein, dass durch Kleists großzügige Streichungen im Schlussteil etwas an Verständlichkeit verloren geht. Oder – wie der Gerichtsrat Walter in der Urfassung fordert:
„…. Wenn Jungfer Eve will,
Dass wir an ihre Unschuld glauben sollen:
So wird sie, wie der Krug zerbrochen worden,
Umständlich nach dem Hergang uns berichten“
Deshalb wurde in Detmold löblicherweise die ursprüngliche langwierige Rekapitulation des Geschehens wieder ausgegraben und für die Inszenierung verwendet – natürlich nur einen kleinen, notwendigen Auszug und ohne die geforderte „Umständlichkeit“.
Die Detmolder Inszenierung – Fragen über Fragen
Das Detmolder Regie-Team um Katrin Hentschel hat sich erkennbar gründlich Gedanken über das Stück gemacht und daraus eine ganze Reihe von Inszenierungs-Ideen abgeleitet – die nicht immer einfach nachzuvollziehen sind!
Das fängt an mit der Ausstattung (Jule Dohrn-van Rossum): Das Bühnenbild ist angenehm einfach gehalten, aber mit mannshohen (von mir aus: frauhohen) beweglichen Buchstaben-Skulpturen ausgestattet: T – U – W. Im Laufe des Abends wird daraus mal WUT und daraus dann MUT – ein Hinweis auf den Schluss?
Dann die Kostüme: Der Dorfschneider verfügt wohl über einen beträchtlichen Vorrat an großkarierten Stoffen, mit denen er sämtliche Einwohner eingekleidet hat. Da denkt mal jemand an Clowns (echt jetzt??); ich assoziiere Schlafanzüge (nicht wirklich!). Nur der Gerichtsrat als Auswärtiger trägt längs-gestreift. Diese Ab-(Aus?)-grenzung des Fremden wird dann allerdings durch einen gravierenden Eingriff in Kleists Text zurückgenommen:
Adam versucht, den Gerichtsrat zu bestech… also, sagen wir: gnädig zu stimmen, indem er ihm geradezu penetrant „ein gutes Frühstück, Wurst aus Braunschweig … und von der fetten pommerschen Räuchergans … ein Gläschen Danziger oder Mosel“ aufdrängen will. Doch der gewissenhafte Prüfer lehnt unwirsch ab; erst gegen Ende – während sie auf eine Zeugin warten – akzeptiert er einige Gläser Wein. In Detmold macht sich der Gerichtsrat dagegen mit Adam gemein, indem er zu dessen klamaukigem Saufkumpan wird. Was will uns die Regie damit sagen?
Und was damit: dass immer wieder das Klirren des zerschellenden Kruges zu hören ist? Oder mit den dauernden Hühnerhof-Geräuschen aus dem Off (gut: ein- oder zweimal erwähnt Adam, eines seine Hühner sei krank, ohne dass dies von Bedeutung für den Gang der Handlung wäre). Völlig unverständlich (und recht nervig!!!): dass die Darsteller auf der Bühne Hühnerhof spielen, allen voran Adam, der sich dauernd aufplustert und gackert wie ein Huhn, das ein besonders dickes Ei gelegt hat.
Aber womöglich ist das Gegockel (im übertragenen Sinn) als eine Art roter Faden dieser Inszenierung gedacht. Da ist der Hahnenkampf Adam – Ruprecht. Und da ist das machohafte Aufspielen, das Anmachen (eben: das Gegockel) des alten geilen Bocks Adam gegenüber Frauen. Auch gegenüber dem Schreiber Licht – obwohl der hier (fast) konsequent als männliche Person (wie von Kleist vorgegeben) angesprochen wird, hinter dem sich aber die schöne Schauspielerin (Stella Hanheide) nicht verbergen lässt. Allerdings: als Adam dem Licht Ambitionen auf das Richteramt unterstellt, da blüht sie geradezu auf: „Dorfrichterin! Ich?!“
Die Darsteller*innen
Patrick Hellenbrand füllt die pralle, komplexe Rolle des Adam aus, als wäre sie extra für ihn geschrieben. – Auf Augenhöhe mit ihm: Manuela Stüßer als Marthe Rull, die wortmächtige Advokatin des Krugs. – Leonard Lange gibt zunächst glaubwürdig den korrekten Gerichtsrat und dann ebenso den betrunkenen Zecher. – Stella Hanheide lässt keinen Zweifel an der Überzeugung des Gerichtsschreibers, dass er eigentlich der bessere Richter wäre. – Elias Nagel zeigt einen von den Umständen überforderten eifersüchtigen Ruprecht. – Ruprechts Vater fehlt in der Inszenierung, ohne dass man ihn vermissen würde. Dagegen wird die naive Tante Brigitte als wichtige Zeugin gebraucht. Dass lediglich ihre Stimme aus dem Off (Brigitte Bauma) zu hören ist, wollen wir mal unter Personal-Sparmaßnahme verbuchen.
„Die Scham muss die Seite wechseln“
Und dann ist da noch Finn Nachfolger als Eve: ein Mädchen, dessen – gestern noch selbstverständliche – Lebensplanung am Boden zerstört ist, das keinen Ausweg aus der fremdverschuldeten Misere weiß. Ein früherer Detmolder Regisseur hat sie mal als „die heimliche Hauptperson“ bezeichnet. Und ja: sie hat zwar wenig Text, aber Finn Nachfolger (welche*r sich, wenn ich das richtig verstanden habe, als „non-binäre Person“ bezeichnet) versteht es von Anfang an, diesen Mangel durch Mimik und Körpersprache auszugleichen. Zum Beispiel auch in der Szene, in der Adam ihr eine unbeholfen-kitschige Liebeserklärung macht („Ich habe mich in dich verliebt … Ich liebe dich“). Da scheint sie von diesem Geständnis gerührt zu sein, wehrt aber ab: „Aber doch nicht so“. Bei Kleist habe ich diese Szene nirgends gefunden; und in Detmold hört man Adams Gesülze nur aus dem Off. Diesen Blödsinn auf die Bühne zu bringen, hat man sich wohl doch nicht getraut. – Oder sollte da doch mehr dahinter stecken? Gibt es diese Liebeserklärung womöglich nur in Eves Phantasie? Und das würde bedeuten …?
In Detmold ist jedenfalls Eves Rolle mit ihrer Rehabilitation noch nicht am Ende. Zum Schluss tritt sie, das Opfer eines männlichen Übergriffs, an die Rampe und kritisiert in einem ausführlichen Epilog die „Strukturen, welche die Täter schützen“, das Versagen von Politik und Gesellschaft, die immer noch virulente Schuldumkehr: „Wir wälzen die Schuld auf die Opfer ab“. Ihre Forderung ist ein Satz aus der #MeToo-Bewegung, welcher durch Gisèle Pelicot ins allgemeine Bewusstsein gerückt wurde: „Die Scham muss die Seite wechseln.“
Alle Zuschauer, mit denen ich gesprochen habe (gerade auch Frauen), reagierten auf diesen Epilog irritiert bis ablehnend. Aber wie auch immer: Es ist ein starkes Schlusswort einer bemerkenswerten Inszenierung.
Stopp!
Schlusswort? Das gebührt dann doch Frau Marthe Rull und ihrem zerbrochenen Krug (zu Kleists Zeiten übrigens eine gebräuchliche Metapher für die verlorene Unschuld eines Mädchens; vgl. SEMDNER, S. 68 ff.). Nach dem ungewöhnlichen Ende der Gerichtsverhandlung fordert sie, dass auch „dem Kruge hier sein Recht geschehe“ und fragt nach dem Sitz der höheren Instanz.
Gerichtsrat Walter: „Am großen Markt in Utrecht“
Marthe: „Gut! Auf die Woche stell ich dort mich ein.“
(Ein boshafter Kommentator hat mal darauf hingewiesen, dass am genannten Ort keineswegs Gericht gehalten, wohl aber Töpferwaren verkauft wurden.)
*) Quellen:
HARENBERG Schauspielführer. – Dortmund 1997. S. 593 ff.
HENSEL, Georg: Spielplan. – München 1992. Bd. 1, S. 454 ff.
RECLAMS Schauspielführer. – Stuttgart 91960. S. 348 ff.
Alle anderen Zitate aus:
SEMDNER, Helmut: Heinrich von Kleist – Der zerbrochene Krug – Erläuterungen und Dokumente. – Stuttgart 1998 (Reclam 8123)
Landestheater Detmold – Sommertheater:
Der zerbrochene Krug
von Heinrich von Kleist
Besetzung
- Regie: Katrin Hentschel
- Ausstattung: Jule Dohrn-van Rossum
- Dramaturgie: Maximilian Löwenstein
- Musik: Masha Qrella
- Licht: Jonas Müller
- Walter, Gerichtsrat: Leonard Lange
- Adam, Dorfrichter: Patrick Hellenbrand
- Licht, Schreiber: Stella Hanheide
- Frau Marthe Rull: Manuela Stüßer
- Eve, ihre Tochter: Finn Nachfolger
- Ruprecht Tümpel: Elias Nagel




