PREMIERE Sa. 24.10.26, 19:30 Uhr, Stadttheater
Summer Snow
Ella Rothschild
Choreografie, Illustrationen, Sound Design Ella Rothschild Komposition Gershon
Waiserfirer Bühne Gadi Tzachor Kostüme Inbal Ben Zaken Licht Avi Yona (Bambi)
Bueno Mit Dorėja Atkočiūnas / Rhiannon Beausoleil-Morrison / Gaya Bommer-
Yemini / Rush Carson / Gilly Geva / Alex Henderson / Aviv Izraeli* / Hampus Larsson
/ Bo Martin Matthews / Ido Toledano / Naomi Shirel Turnpu / Ori Wainstein*
*Praktikant*innen TANZ Bielefeld
Mit freundlicher Unterstützung der Theater- und Konzertfreunde Bielefeld
Ein Lagerhaus, aus dem nahezu alles verschwunden ist. Zurück bleibt eine Ordnung, die ihren ursprünglichen Zweck verloren hat, und Menschen, die sich nach wie vor in ihr bewegen. Mit »Summer Snow« entwirft Ella Rothschild eine surreal-groteske Welt, in der das Vertraute zunehmend aus den Fugen gerät. Aus scheinbar alltäglichen Routine und Katastrophe. Schon der Titel trägt diesen Widerspruch in sich.
»Man betritt das Stück bereits mit einem kleinen Konflikt«, sagt Rothschild. »Sommer und Schnee ergeben zusammen keinen Sinn und erzeugen zugleich zwei unmittelbar verständliche, emotional aufgeladene Bilder.« Ausgangspunkt des Stücks ist eine einzelne Figur, die ihr Zuhause und ihr gesamtes Gepäck überallhin mit sich führt. An ihr stellt sich die Frage, wie sehr das, was wir mit uns tragen, unser Handeln bestimmt. »Alle anderen Figuren sind aus der Welt dieser einen Figur entstanden«, erzählt Rothschild. »Sie entwickeln ihre eigenen
Wege und Geschichten, aber sie gehören zu derselben Welt. Sie wachsen wie Äste aus ihr heraus.« Ihre persönlichen Zustände verändern das Gefüge der Gruppe: Nähe kann Halt geben und gleichzeitig einengen, Gemeinschaft auffangen, aber auch Druck erzeugen.
Die Figuren entstehen dabei nicht unabhängig von den Menschen, die sie verkörpern.
Im Probenprozess schreiben die Tänzer*innen Texte, improvisieren mit Objekten und erforschen gemeinsam mit Rothschild emotionale Zustände, aus denen sich ihre Rollen entwickeln. Entscheidend ist, wie eine solche Aufgabe im Bühnen und Orchester der Stadt Bielefeld ·
jeweiligen Körper sichtbar wird. »Bestimmte Dinge funktionieren nur bei einer bestimmten Person«, beschreibt Rothschild den Prozess. »Wenn man etwas findet, das wirklich zu ihr passt, kann sie darin selbst kreativ werden.« Ursprünglich entstand das Werk 2021 für die Batsheva Dance Company. Zum Auftakt ihrer künstlerischen Leitung der BiDC (Bielefeld Dance Company) – so der neue Name der Tanzcompanie der Bühnen und Orchester Bielefeld – kehrt Rothschild fünf Jahre später dazu zurück. Die zeitliche Distanz ist ebenso Teil des Prozesses wie das neue Ensemble. Andere Körper, Persönlichkeiten und Gruppendynamiken verändern Beziehungen und verschieben Gewichtungen. Die Wiedereinstudierung wird so nicht zur Rekonstruktion eines früheren Zustands, sondern zu einer
erneuten Auseinandersetzung mit dem eigenen Werk.
»Ich bin sehr glücklich, zu dem Stück zurückzukehren, weil ich das Gefühl habe, dass es nichts von seiner Relevanz verloren hat«, sagt Rothschild. »Es begegnet jetzt anderen Menschen, in einer anderen Zeit und an einem anderen Ort. Dadurch verändert und aktualisiert es sich ohnehin.« Gerade weil die Choreografie bereits existiere, könne sie heute mit dem Ensemble »noch eine Schicht tiefer gehen«.
Gemeinsam mit Bühnenbildner Gadi Tzachor verortet Rothschild das Geschehen in einem auffällig leeren Lagerraum. Zwischen hohen Holzwänden und Regalen entsteht eine beinahe bedrängende Weite. Gleichzeitig verleihen warme Farbtöne
dem Ort etwas Vertrautes, fast Wohnliches. »Wo bewahren wir Dinge auf? Wie verlieren wir sie? Und was bringt uns dazu, zu ihnen zurückzukehren?«, fragt Rothschild. Mit wenigen Gegenständen kann ein neutrales Regal plötzlich zu einem persönlichen Raum werden, bevor es sich ebenso schnell wieder in eine anonyme Lagerfläche verwandelt. Die Leere wird dabei selbst zum Thema: »Ich glaube, das
ganze Stück spricht davon, was fehlt.« Inbal Ben Zakens Kostüme greifen die Eigenheiten der Figuren auf und setzen sie in Beziehung zu diesem Raum. Für die Bielefelder Wiederaufnahme entstehen neue, auf die jeweiligen Tänzer*innen zugeschnittene Entwürfe. Materialien, Schnitte und Silhouetten schärfen ihre individuelle Erscheinung, ohne sie aus dem gemeinsamen Bild herauszulösen.
Doch die Welt auf der Bühne ist nur eine von drei Perspektiven des Projekts. Mit »A Year Without Summer« entstand ein Skizzenbuch mit Rothschilds eigenen Zeichnungen, das einen intimen Einblick in die Bilderwelt des Stücks gibt. Die digitale Arbeit »On the Edge of Nowhere« richtet den Blick dagegen von außen auf diese Welt. Videos und Klangwelten führen Figuren, Gegenstände und Prozesse
weiter, die im Theater nur teilweise sichtbar werden. Auch sprachlich und musikalisch sind die drei Teile miteinander verbunden: Ihre Titel entnahm Rothschild einem Song von Peter Broderick, der auch auf der Bühne seinen Platz findet und während der Vorstellung vom Ensemble gesungen wird. Jede der drei Arbeiten kann für sich stehen, gemeinsam eröffnen sie unterschiedliche Zugänge zu demselben
künstlerischen Kosmos. Während der Vorstellungen wird das Skizzenbuch auch im Stadttheater erhältlich sein.
Dass Rothschild ihre erste Bielefelder Spielzeit mit einem bereits bestehenden Werk eröffnet, setzt zugleich einen Ausgangspunkt für das, was folgen soll. Themen, Figuren und Motive können bei ihr von einem Stück ins nächste wandern und dort neue Formen annehmen. So wird die Wiederaufnahme zum ersten Kapitel einer länger angelegten künstlerischen Entwicklung mit dem Ensemble. »Man kann mit
Summer Snow beginnen«, sagt Rothschild, »aber wenn man dieser Reise weiter folgt, wird man woanders ankommen.«
Nächste Termine 01.11. / 06.11. / 15.11. / 25.11. / …
Karten T. 0521 51 5454 // www.theater-bielefeld.de
Ella Rothschild, geboren 1984 in Israel, ist Choreografin, Tänzerin und multidisziplinäre Künstlerin. Ihre tänzerische Laufbahn führte sie zunächst zur Inbal Pinto & Avshalom Pollak Dance Company und anschließend zum Batsheva Ensemble sowie zur Batsheva Dance Company unter der künstlerischen Leitung von Ohad Naharin. Bereits während dieser Zeit begann sie, eigene choreografische Arbeiten zu
entwickeln. Seit 2010 arbeitet Rothschild als freischaffende Choreografin und realisierte zahlreiche eigene Produktionen und internationale Auftragsarbeiten. Seit 2018 arbeitet sie zudem mit Crystal Pites Compagnie Kidd Pivot. Als Choreografin arbeitete Rothschild unter anderem mit der Batsheva DanceCompany, dem Nederlands Dans Theater und dem Opera Ballet Vlaanderen. Darüber hinaus entstanden zahlreiche eigene Projekte und internationale Kooperationen, unter anderem in Israel, Japan, Dänemark, Italien und den USA. Zu ihren jüngeren Arbeiten zählen »Summer Snow« für die Batsheva Dance Company, »Petrushka« für Opera Ballet Vlaanderen, »This Solution« für das Nederlands Dans Theater sowie »Milk Teeth«, »The Guests« und »Wounds of Autumn« für Kammerballetten.
Für ihr künstlerisches Schaffen wurde Rothschild mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Rosenblum Performing Arts Award der Stadt Tel Aviv und dem Preis des israelischen Kulturministeriums als beste Soloperformerin. Seit der Spielzeit 2026/27 ist Ella Rothschild Künstlerische Leiterin und Chefchoreografin der BiDC (Bielefeld Dance Company), der Tanzcompanie der Bühnen und Orchester Bielefeld




