Eine sehenswerte Prinzessin Hamlet
Dariusch Yazdkhasti inszeniert den Klassiker nah an Shakespeares Original
Wenn die Regie nichts Bessres weiß
gibt’s Nebeldampf aus Trockeneis.
(g.wasa – Bielefeld.) – Jan Kott ist dafür bekannt, dass er Shakespeares Stücke gnadenlos seziert und dabei vorzugsweise die düsteren, die abgründigen Aspekte an die Oberfläche holt, die der „gewöhnliche Fan“ gern überliest (zumal der deutsche, soweit er vor allem die romantisierende Schlegel-Übersetzung kennt). Mal verortet Kott die Komödien in einem „bitteren Arkadien“; mal weist er auf „die Schärfe und Brutalität … das Zottige, das Tierhafte der Erotik“ im „Sommernachtstraum“ hin; mal entlarvt er die Herrschaft des weisen Prospero über die „Sturm“-Insel als üblen Kolonialismus, voller „Mordpläne, Gewaltphantasien, Machtgelüste”.
Ausgerechnet Hamlet, den vielleicht kompliziertesten, zumindest den meist-diskutierten Charakter Shakespeares, lässt der polnisch-amerikanische Theatermann ungeschoren. Zwar bekommt in seinem „Shakespeare heute“*) Hamlet als einziger zwei Kapitel, doch widmet sich Kott hier vor allem einer polnischen Inszenierung, an der ihn insbesondere – „bald nach dem 20. Parteitag der KPdSU“ – das Politische interessiert (S. 73 ff.).
Allerdings betont Kott (und das wird im Bielefelder Programmheft gleich zu Anfang ausführlich zitiert), dass die Figur „Hamlet“ längst „ein Eigenleben in der Kultur“ gewonnen hat, die weit über das Theater hinaus reicht:
„Hamlet ist eine Tragödie der Liebe, der Familie, des Staates, es ist eine philosophische, eschatologische und metaphysische Tragödie, eine aufrüttelnde psychologische Studie. Eine blutige Fabel mit Duell und großem Gemetzel“. Dieser Hamlet lässt sich „nicht im ganzen“ erfassen, geschweige denn „spielen; man muss eine Auswahl treffen … Man kann nur EINEN Hamlet spielen von denen, die in diesem Super-Stück enthalten sind“. …“. (S. 72 f.).
Die Bielefelder Hamlet – eine Feministin?
Vor einem Vierteljahrhundert war Hamlet in Bielefeld ein Rock-Musiker, der sich der Orchester-Disziplin entzieht. Ist sie heute eine Feministin? Einige Passagen im Programmheft könnten darauf hindeuten. Aber keine Angst: Die Hauptperson in dieser Bielefelder Inszenierung könnte genauso gut ein Prinz wie eine Prinzessin sein.
„Prinzessin“? „sie“? D** Bielefelder Hamlet wird von Nicole Lippold verkörpert. Das ist noch nicht außergewöhnlich, denn immer wieder haben Frauen den Hamlet gespielt – Charlotte Charke schon im frühen 18. Jahrhundert; Sarah Bernhardt (um 1900), Angela Winkler (1999 unter Zadeck) oder Sandra Hüller (2019 unter Simons in Bochum). Aber in aller Regel haben diese Frauen DEN PRINZEN Hamlet gespielt – so selbstverständlich, wie zu Shakespeares Zeiten die Frauenrollen von Männern gespielt wurden. (Eine Ausnahme: Asta Nielsen im Hamlet-Film 1920: Hamlet wurde als Mädchen geboren, musste aber aus dynastischen Gründen als Junge erzogen werden.)
Hamlets Outfit in Bielefeld könnte durchaus – wie sagt man heute? – männlich gelesen werden. So ist es schon ein kleiner Schock, wenn sie von Claudius als „unsere Tochter und Nichte“ angesprochen wird.
Aber der Schock verfliegt schnell. Nicole Lippold gibt glaubwürdig eine junge Person, die um ihren Vater trauert, der das sittenlose Gebaren am Hof übel aufstößt, die um ihren Platz im dynastischen System kämpft und die schließlich ihre Rache (wenn auch auf Umwegen) zu einem schlimmen Ende bringt – alles wie gehabt, also. Dass die Beziehung der Prinzessin zu Ophelia (Anouk Piwek) womöglich enger ist, als wir es aus Shakespeare herauslesen – geschenkt; eine gleichgeschlechtliche Beziehung ist heute schließlich auch in höchsten politischen Kreisen normal. Und wenn man findet, diese Hamlet verhalte sich gegenüber ihrer Mutter (Christina Huckle) emphatischer als man es von einem männlichen Hamlet gewohnt ist, so fragt man sich gleichzeitig, ob dieser Eindruck lediglich dem eigenen Vorurteil geschuldet ist.
Was irritiert oder gar nervt: die Video-Einspielungen (ohne die heutige Regisseure scheinbar keine Inszenierung mehr hinkriegen). Als Prolog: viele Pistolen und Gewehre; mittendrin: Frauen mit Waffen; am Ende: Bilder von Straßenkämpfen – ein Hinweis auf Laertes, der nach dem Tod seines Vaters den Aufstand probt, der hier in Bielefeld aber eher friedlich-zurückhaltend auftritt. So gibt’s kaum einen direkten Bezug zu „Hamlet“, außer eben das Thema „Gewalt“. Und ich dachte immer, Gewalt gäb’s auch im Stück selbst genug.
Aber ansonsten: eine interessante, durchaus spannende und handwerklich ordentlich gemachte Inszenierung, die auch mal zum Lachen reizt (wenn etwa der schon tote Polonius sich nochmal als Helfer nützlich macht). – Ein geschickter Einstieg: Der Hofstaat hat sich um ein offenes Grab versammelt. „Der (alte) König ist tot. Es lebe der König.“ Kaum ist der letzte Blumenstrauß in der Grube versenkt, da schwebt schon von unten eine üppig gedeckte Hochzeitstafel herauf (und illustriert so Hamlets bitteren Vorwurf: „Die Leichenschmauspasteten warn kalte Platten für den Hochzeitstisch“).
Natürlich musste viel weggelassen werden – Inhalt wie Personen. Von den gut 20 Rollen (plus Hofstaat plus Schauspielertruppe) bleiben grade mal zehn übrig, die von sieben Darstellern bewältigt werden: Thomas Wolf spielt den neuen und den Geist des alten Königs. Alexander Stürmer und Faris Yüzbaşıoğlu spielen Horatio und Laertes, die sich, wenn nötig, flugs mittels eines Toupets und eines andern Hemds in Rosenkranz und Güldenstern verwandeln. – Um sich beim norwegischen König zu beschweren, müssen keine Diplomaten als Boten losgeschickt werden – es reicht ein Brief.
Die Kürzungen scheinen gut überlegt: es entstehen keine Verständnislücken und der Fluss der Handlung (ohne größere Abweichungen vom Original) bleibt in Gang und vor allem: bleibt immer interessant. Kein Raum für Langeweile in den knapp drei Stunden.
An Inhalt wird der Hamlet-Fan womöglich die Friedhofsszene vermissen: Kein philosophisch-banales Gespräch der Totengräber. Und: Kein Hamlet mit Totenschädel!
Arg gefleddert wurde auch Polonius (Thomas Wehling): seine ausufernden väterlichen Ratschläge an Sohn und Tochter: radikal zusammengestrichen; die Szene mit Reinhold fällt ganz weg. Dramaturgisch mag man die Geschwätzigkeit des alten Hofmannes für ebenso überflüssig halten wie die Clowns auf dem Friedhof. Als Liebhaber der Shakespearschen Sprache kann man einwenden, dass damit gerade die Szenen wegfallen, in denen der Sprachkünstler aus Stratford-upon-Avon seiner Beredsamkeit, seinem rhetorischen Talent mal so richtig freien Lauf gelassen hat …
Einen kleinen Trost mag die Wahl der Übersetzung bieten: Die moderne Übertragung von Marius von Mayenburg wurde zwar schon als „flach“ und „unpoetisch“ kritisiert. Doch hat sie sich auf der Bühne bewährt als schnörkellos, klar und damit gut verständlich. Und ungewöhnlich gut verständlich sind auch die – überhaupt durchweg guten! – Darsteller. „Aha, drum also“, mag man denken, wenn man dann im Personenverzeichnis liest, dass die Bielefelder Schauspieler in den Genuss nicht nur eines professionellen Kampftrainings kommen (seit Jahrzehnten: Benjamin Armbruster) sondern auch eines Sprechtrainings (Sybille Krobs-Rotter). Da könnte sich so manches Theater ein Beispiel nehmen.
Nach einem langen Theaterabend nahm sich das Publikum noch die Zeit, lange und lebhaft zu applaudieren.







Hamlet
William Shakespeare, aus dem Englischen von Marius von Mayenburg – Theater Bielefeld Spielzeit 2026/27
Theater Bielefeld:
Hamlet
William Shakespeare
Aus dem Englischen von Marius von Mayenburg
Inszenierung: Dariusch Yazdkhasti
Bühne: Julia Hattstein
Kostüme: Rahwa Oreyon
Video: Konrad Kästner
Licht: Carsten Lenauer
Dramaturgie: Kerstin Ca




