
Félix+Vallotton,+Lea
„Diese schreckliche Gefährtin“
Félix Vallottons Blick auf die Frau und das Verhältnis der Geschlechter
Vortrag von Dr. Barbara Martin, Kunsthistorikerin, Karlsruhe
Kaum einem Motiv widmete sich Félix Vallotton so intensiv wie der Darstellung der Frau. Die Werke des schweizerisch-französischen Künstlers offenbaren eine ambivalente Haltung zum anderen Geschlecht, bewegen sich zwischen Faszination und distanzierter Beobachtung.Vallotton setzte die Hausherrin im bürgerlichen Interieur ebenso ins Bild wie weibliche Akte, die durch nüchterne Kühle statt Sinnlichkeit bestechen. Immer wieder thematisierte er auch das Verhältnis von Mann und Frau: Darstellungen eleganter zeitgenössischer Paare lassen Entfremdung spüren, während mythologisch-archaische Szenen den „Kampf der Geschlechter“ vor Augen führen.
Am 10. Oktober 2026 lädt die Stiftung Ahlers Pro Arte zu einem Vortrag ein, der diesen höchst eigenwilligen Blick auf die Frau, ihren Körper und das Geschlechterverhältnis beleuchtet. Die Kunsthistorikerin Barbara Martin verortet Félix Vallottons Schaffen im Kontext seiner Zeit. Im Spannungsfeld von künstlerischer Tradition und beginnender Moderne suchte er, neue Ausdrucksformen für tradierte Themen zu finden. Seine Gemälde und Grafiken reflektieren dabei auch den gesellschaftlichen Umbruch zwischen überkommenen Rollenbildern und beginnender Emanzipationsbewegung Anfang des 20. Jahrhunderts.
Barbara Martin ist auf die Kunst des späten 19. Jahrhunderts und der Moderne spezialisiert. Sie kuratierte Ausstellungen u. a. für das Landesmuseum Hannover, die Galerie Stihl Waiblingen sowie die Städtischen Museen Heilbronn; aktuell ist sie in der Sammlungsdokumentation der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe tätig.
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Einlass: 17.30 Uhr
Beginn: 18 UhrKarten zu dieser Veranstaltung sind zum Preis von 12€ (inkl. Getränke) im E-Ticketshop oder an der Stiftungskasse erhältlich. (Einlass ab 17.30 Uhr (freie Platzwahl), Veranstaltungsbeginn 18.00 Uhr)
26. September 2026 bis 10. Januar 2027
Félix Vallotton
Der Schönheit ein Denkmal setzen
Das Werk des schweizerisch-französischen Malers und Grafikers Félix Vallotton (1865–1925) zählt zu den eigenständigsten Positionen der europäischen Moderne um 1900. Bekannt wurde Vallotton vor allem für seine wegweisenden grafischen Arbeiten. Wie kein anderer Künstler seiner Zeit beherrschte er die Technik des Holzschnitts. Seine Meisterschaft auf diesem Gebiet zeigt sich in bedeutenden Zyklen wie der Serie von Schweizer Bergmotiven (1892), Paris intense (1893/94), Intimités (1897/98), LʼExposition universelle (1900/01) und Cʼest la Guerre (1915/16) sowie in ebenfalls in der Ausstellung vertretenen ausgewählten Einzelblättern. Mit seiner innovativen Bildsprache prägte er den modernen Holzschnitt nachhaltig und verlieh dem Medium neue Ausdrucksmöglichkeiten.
Félix Vallottons malerisches und grafisches Œuvre zeichnet sich durch kühle Strenge, distanzierte Sachlichkeit und eine präzise Beobachtung der Lebensrealität aus. Doch zugleich gelang es dem Künstler, wie Alexander Kanoldt, deutscher Vertreter der Neuen Sachlichkeit 1931 voller Anerken
nung konstatierte, „der Schönheit […] mit seiner Kunst ein ewiges Denkmal“ zu setzen: „Wer Augen hat zu sehen, der sehe!“
Nach ihrer erfolgreichen Präsentation im Museo Castello San Materno in Ascona wird die Ausstellung Félix Vallotton. Der Schönheit ein Denkmal setzen in diesem Herbst in erweiterter Form in der Stiftung Ahlers Pro Arte in Herford gezeigt. Sie stellt anhand von Gemälden, Zeichnungen und grafischen Ar
beiten das facettenreiche Schaffen des künstlerischen Einzelgängers Vallotton vor. Im Mittelpunkt stehen Landschaften, Stillleben und Aktdarstellungen. Großzügige Leihgaben aus einer bedeutenden Schweizer Privatsammlung sowie weitere ergänzende Werke ermöglichen es, die Entwicklung dieser
Bildgattungen exemplarisch von den Jugendjahren über die Nabis-Periode bis hin zum Spätwerk eindrucksvoll nachzuvollziehen.
Leben und Werk
Félix Vallotton wird 1865 in Lausanne geboren. Bereits während seiner Schulzeit zeigt sich früh sein zeichnerisches Talent, was ihn im Alter von 16 Jahren dazu ermutigt, nach Paris zu gehen und an der privaten Kunstschule Académie Julian zu studieren. Dort freundet er sich mit seinem Lehrer Charles
Maurin (1856–1914) sowie seinem Kommilitonen Félix Jasinski (1862–1901) an, die ihn in die grafischen Techniken einführen. Um seinen Lebensunterhalt zu sichern, porträtiert Vallotton Verwandte und Freunde, verfasst Kunst- und Ausstellungskritiken, arbeitet als Restaurator und fertigt Reproduk
tionsgrafiken nach Gemälden an. 1892 schließt er sich der Künstlergruppe Les Nabis (deutsch: Propheten, Erleuchtete) an und beteiligt sich ab 1893 an deren Ausstellungen. Zu ihren Mitgliedern zählen unter anderem Pierre Bonnard (1867–1947), Maurice Denis (1870–1943) und Paul Sérusier (1864–1927). Ziel der Gruppe ist es nicht, die Welt naturgetreu abzubilden, sondern sie durch dekorative und flächige Formen künstlerisch zu transformieren. Der zurückhaltende und wortkarge Vallotton erhält von seinen Künstlerkollegen den Beinamen „Le Nabi étranger“ („Der fremde Nabi“). Vor allem mit Édouard Vuillard (1868–1940) verbindet ihn eine enge Freundschaft.
Bis 1900 verbringt Vallotton die Sommer regelmäßig bei seiner Familie in der Schweiz. Während dieser Aufenthalte entstehen einige Bilder mit Ansichten des Genfersees, die vom Einfluss der Schweizer Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts geprägt sind.
In seinem grafischen Werk setzt der Künstler ab 1887 erste Motive nach eigenen Ideen um. Während sein Interesse zunächst der Radierung gilt, wendet er sich ab 1891 dem Holzschnitt zu. Innerhalb kurzer Zeit entwickelt Vallotton – beeinflusst vom japanischen Holzschnitt – eine unverwechselbare Aus
drucksform, die durch einen innovativen Umgang mit der Linie sowie den souveränen und ungewöhnlichen Einsatz von Fläche und Schwarz-Weiß-Kontrasten geprägt ist. Er erhält zahlreiche Aufträge, arbeitet für Kunst-, Literatur- und Satirezeitschriften, illustriert Bücher und entwirft Plakate sowie
Theaterprogramme. Parallel dazu entstehen bedeutende Einzelgrafiken und wegweisende Zyklen. Darin setzt er sich kritisch mit gesellschaftlichen Machtverhältnissen und Geschlechterbeziehungen auseinander. Schon zu Lebzeiten wird der Künstler als großer Erneuerer des Holzschnitts gefeiert.
„Vallotton hat aus dem Holzschnitt so viel gemacht“, urteilte der deutsche Kunsthistoriker Julius Meier-Graefe (1867–1935), „dass er getrost auf den Ehrgeiz verzichten könnte, auch als Maler zu zählen […]. Denn malerischer als seine Bilder, farbenreicher als die Werke viel berühmterer ,Maler‘
sind diese Holzschnitte in Schwarz-Weiss.“ Während seiner großen Erfolge als Illustrator und Grafiker tritt Vallottons Beschäftigung mit der Malerei vorübergehend in den Hintergrund. Doch nach der Hochzeit mit der vermögenden Witwe Gabrielle Rodrigues-Henriques (1863–1932) im Jahr 1899, die der einflussreichen Pariser Kunsthändlerfamilie Bernheim-Jeune entstammt, wendet er sich wieder verstärkt der Ölmalerei zu. Mit seinen Interi
eur-Darstellungen greift Vallotton ein bevorzugtes Sujet der Nabis auf und entwickelt es – in seiner Holzschnittserie Intimités bereits vorweggenommen – in einer Reihe von formal stark stilisierten Gemälden weiter. Der Aktmalerei – insbesondere der weiblichen Figur – widmet sich Vallotton erneut ab 1904. Die dargestellten Frauen entsprechen dabei nicht dem klassischen Schönheitsideal; vielmehr wirken sie streng und unnahbar, zeichnen sich durch eine ambivalente Spannung zwischen Schönheit und Sprödigkeit sowie Anziehung und Distanz aus. Darüber hinaus gehört auch die Landschaftsmalerei zu seinen bevorzugten Genres. Neue Motive findet er auf zahlreichen Reisen unter anderem in Frankreich und Italien. In den 1890er-Jahren entwickelt er unter dem Einfluss der Nabis stilisierte Naturansichten, die er als paysages décoratifs bezeichnet. Ab 1900 widmet sich Vallotton verstärkt dem städtischen Umfeld von Paris, das er in seinen urbanen Szenerien aus ungewöhnlichen Perspektiven erfasst. Die ab 1909 entstandenen paysages composés sind streng komponierte, im Atelier nach kleinen Skizzen oder dem Gedächtnis geschaffene Landschaften, die Vallotton als „von allem ganz Naturgetreuen befreit“ und als „Rückkehr zur bekannten historischen Landschaftsmalerei“ bezeichnete.
Erst in späteren Jahren entdeckt Félix Vallotton das Stillleben für sich. Dabei geht es ihm weniger um eine symbolische oder allegorische Überhöhung als um die nüchterne Beobachtung der Gegenstände in ihrer vielfältigen Stofflichkeit und Textur. „Zunehmend finde ich an der Aufgabe, die ich früher noch als kindisch abgetan hätte, das raffinierteste Vergnügen“, hält der Künstler im August 1919 fest. „Mehr denn je amüsiert mich die Dingwelt; die Vollendung eines Eies, die Weichheit einer Tomate, das Geschmiedete einer Hortensie liefern genügend Probleme, die ihrer Lösung harren.“
Félix Vallotton hinterließ ein umfangreiches Œuvre. Er schuf rund 1.700 Gemälde, mehr als 230 Grafiken und Hunderte von Zeichnungen.
Eintrittskarten für diese Ausstellung sind zum Preis von 8€ im E-Ticketshop
auf ahlers-proarte.com/ shop oder an der Stiftungskasse erhältlich.
Öffnungszeiten
Freitag – Sonntag
und an Feiertagen
11 – 18 Uhr
Veranstaltungsvideos
Videos unserer Veranstaltungen finden Sie auf unserer Internetseite und auf youtube.com/@stiftungahlersproarte




