Was für ein lahmer Rasche!
Ulrich Rasches „Faust“ bei den Salzburger Festspielen
Zweierlei „Faust“ in München
Vor wenigen Jahren hat das Residenztheater den Münchnern einen fulminanten „Faust“ beschert: inszeniert vom „Regie-Berserker“ Martin Kušej und mit der „Schauspielerin des Jahres“ Bibiana Beglau als Mephisto. Vorbei. Der Regisseur ist nach Wien weitergezogen. Aber wer will, kann die Inszenierung immer noch sehen; er braucht nur nach Wien zu fahren, denn Kušej hat seinen „Faust“ mit an „die Burg“ genommen.
Oder man wartet bis zum 6. November. Dann gibt es einen neuen „Faust“ am Resi – inszeniert von Ulrich Rasche, jetzt schon mal zu sehen bei den Salzburger Festspielen: Nach Kušejs Spektakel nunmehr ein hoch-stilisiertes Gedankenwerk. Bei Kušej wurde mit Plakaten gewarnt, „dass in dieser Vorstellung extreme Lautstärken (Schüsse, Explosionen) und Stroboskoplicht eingesetzt werden“, und offenbar sind noch ein paar dieser Plakate übriggeblieben, die nun in Salzburg aufgehängt wurden – welch eine Übertreibung! Denn an derartigen Extremen gab’s allenfalls etwas Video-Geflimmere und bunte Lichtshow. Was es allerdings gab: Ein andauerndes eintönig-jaulendes Wummern, das für empfindsame Ohren schnell zum – ersten und anhaltenden – Ärgernis dieser Inszenierung wurde. Zum zweiten: immer wieder Störgeräusche aus der Tiefe des Zuschauerraumes: als ob ungeschickte Bauhandwerker immer noch Bänke installieren würden. War das eine Panne (so wie das „Technikversagen“, welches zweimal eine Unterbrechung erforderte)? Oder war es Absicht – dann aber: was für eine?
Aber wie auch immer: Dem Publikum wurden (in Erkenntnis dieser akustischen Ärgernisse?) Ohr-Stöpsel angeboten! (So, als würde man Museumsbesuchern die Augen verbinden, damit die nicht die schrecklichen Bilder anschauen müssen.) Brauchte man dann auch den Text nicht mehr zu verstehen? (Aber zu Text und Sprache kommen wir noch).
Doch zunächst zum Inhalt:
Multiple Persönlichkeit Faust
Ich war schon immer Anhänger der Theorie, Faust habe nicht nur – ach! – zwei Seelen in seiner Brust, er sei vielmehr eine gespaltene Persönlichkeit: hier der Positive, der strebende Wissenschaftler Faust, da der „Geist, der stets verneint“, der destruktive Mephisto. Und schon muss man nicht mehr an Hölle und Teufel glauben, sondern kann das Phänomen Faust einfach psychologisch fassen.
Ulrich Rasche treibt nun diese Lesart auf die Spitze: Im Gespräch mit Dramaturgin Yvonne Gebauer begreift er „das Subjekt (= Faust) nicht als harmonisches Ganzes, sondern als ein fragiles System, in dem verschiedene, oft gegenläufige Anteile nebeneinanderstehen. … Faust negiert und verdrängt die Anteile, die ihm widersprechen, und gerade dadurch kehren sie als eigenständige, feindliche Gestalten zurück“ (Programmheft, S. 15).
Für Rasche sind also alle fünf Personen, mit denen er in seiner Inszenierung auskommt (ja, wirklich!) Abspaltungen der Persönlichkeit Faust. Das klappt natürlich perfekt beim jungen Faust, und das kann ich (siehe oben) im Falle Mephisto gut nachvollziehen. Bei Gretchen fällt Rasche – auch wenn er die Me-too-Debatte mit einbezieht – eine überzeugende Erklärung schwerer und erst recht lässt sich das auf der Bühne allenfalls ansatzweise nachvollziehen; und das gilt dann auch für Valentin, den Rasche als „das bürgerliche Element“ der faustschen Persönlichkeit deklariert. Dass alle fünf im identischen Outfit auftreten, macht sie noch lange nicht zu identischen Wesen.
Die Faust-Welt wird einfacher
Wenn Mephisto ein originärer „Kern“ der Faustschen Persönlichkeit ist, dann muss er für seinen Auftritt nicht den Umweg über einen Pudel nehmen. Und wenn es keinen Teufel braucht, dann braucht es auch keinen Gott, geschweige denn Erzengel: Der ganze Prolog im Himmel kann ebenso wegfallen, wie das Vorspiel und die Zueignung. Und wenn Faust schon die wichtigsten Charaktertypen in sich vereint, wozu soll er sich dann noch dem Volk („hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein“) aussetzen: Weg mit dem Osterspaziergang, weg mit Auerbachs Keller, und wir haben eine Menge Zeit und Personal gespart. Klar, dass die Auseinandersetzung mit dem Erdgeist lediglich ein Monolog Fausts ist (wobei Darsteller Steven Scharf die beiden noch ganz geschickt durch Wechsel im Tonfall unterscheidet); die Hexenküche wird von einer hier weiblichen Mephista (Valery Tscheplanowa) so nebenbei miterledigt. Schwieriger ist Frau Marthe zu ersetzen: Mal muss der junge Faust ihren Text übernehmen (was nicht überzeugt), und ihr Gesprächspartner Mephisto wird durch den alten Faust ersetzt (was noch weniger überzeugt); meist wird der bescheidene Rest des Marthe-Textes aber Gretchen (Anna Drexler) auferlegt (beim Umgang mit dem Schmuck, bei der Abendeinladung in den Garten, die jetzt nicht mehr von der Kupplerin ausgesprochen wird, sondern von der zu Verkuppelnden selbst – der damit verbundene Wandel in Gretchens Charakter ist von Rasche durchaus gewollt).
Kürzungen
Natürlich blutet dem Faust-Fan mit dem Wegfall der genannten Szenen das Herz. Aber damit längst nicht genug. Rasche streicht und streicht ganze Passagen (nur ein Beispiel: die Auseinandersetzung Faust / Mephisto nach dem „Religionsgespräch“). Leider entstehen mit den Textlücken immer wieder auch Verständnislücken. Dabei hätte sich da einiges vermeiden lassen, einmal durch geschickteres Kürzen; vor allem aber wäre für die eine oder andere fehlende Passage durchaus noch Zeit gewesen, wenn Rasche auf so manche seiner ausgedeeehnten Längen verzichtet hätte. Die Abspaltung des jungen vom alten Faust dauert ewig. Und dann das endlose Kreisen um … nein, nicht mal um sich selbst – um nichts.
Endloses Kreisen
Die endlos kreisende Drehbühne ist wohl ein Charakteristikum von Rasche-Inszenierungen. Hier sind es gleich zwei, eine innere und eine äußere, die mal parallel, mal mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten, mal gegeneinander kreisen. Und auf denen die Darsteller mit-kreisen. Und kreisen. Und kreisen. Und zwar beee-dääächtig kreisen. Wenn sie sich nicht ohnehin mühsam dahinschleppen. Zum Einstand dürfen neue Teilnehme erst mal mit den alten mitkreisen. Gretchen muss lange einherschreiten, verfolgt oder flankiert von Faust-alt und Faust-jung, bis endlich das erlösende „Mein schönes Fräulein …“ fällt. Einmal meint in der Reihe vor mir jemand: „Hätten die lieber mehr Text gelassen und wären dafür schneller im Kreis gelaufen!“ Der Mann sprach mir aus der Seele.
Exaltiertes Sprechen
Nicht nur das im-Kreis-gehen erfolgt bedächtig, auch das Sprechen. Manche lobten das: es böte genug Zeit, die Goethesche Sprache auszukosten, ihr nachzusinnen. Mag sein. Was mich genervt hat, war das übertrieben-prononcierte Deklamieren, bei dem man dauernd ein Kippen der Stimme befürchten musste. Besonders exaltiert bei Valery Tscheplanowas Mephista, die dauernd in ein heftiges Lispeln abrutschte, was auch der Verständlichkeit nicht guttat. Nur gut, wenn man die schon mal als Castorfs „Gretchen“ oder als Salzburger „Buhlschaft“ oder gerade jetzt im Interview zu ihrer Mephisto-Rolle (https://www.youtube.com/watch?v=7ubvB0bbLgU) gehört hat und deshalb weiß: Die Frau kann richtig sprechen! Und zwar sehr kultiviert, und klar und ausdrucksstark!
Marionetten-Theater
Vielleicht noch schlimmer als das exaltierte Sprechen: die ganzen theatralischen (?) Bewegungen. Das ewige Kreisen: nicht nur bedächtig, gemessen, sondern stilisiert, über-stilisiert. Oft hatte man den Eindruck, Marionetten zu sehen (was sich noch verstärkte, wenn sie vor den blendend-weißen Videowänden den Eindruck von Schattentheater erweckten). Man fragt sich: Hat der Regisseur seine Darsteller, indem er sie zu diesem marionettenhaften Gebaren zwingt, nicht der Möglichkeit beraubt, ihr darstellerisches Können, in Wort, in Bewegung, in Körpersprache zu zeigen? Ein Können, wie es trotz alledem immer mal wieder deutlich herausblitzte, so deutlich, dass man davon sehr gerne mehr gesehen hätte.
Die Ausstattung
Kein Urväter-Hausrat in der gewölbten Studierstube. Es gibt nur zwei riesige Videowände, die mal die ganze Breite der Bühne beherrschen, mal sich zu einem (bedrohlich?-)engen Korridor verengen, die immer mal wieder (in Anlehnung an Stimmungen?) die Farbe wechseln und mal mit Elektronik-Geflimmer und -Geknister Übergänge markieren.
Auch an Requisiten hat man gespart. Kein Schmuckkästchen (wie schön der Schmuck ist, muss Gretchen pantomimisch darstellen); kein Gänseblümchen für’s Blumenorakel. Die meisten werden die Szene kennen. Wenn nicht, bleibt das mehrfach wiederholte „Er liebt mich – liebt mich nicht“ wohl etwas kryptisch. – Einzige Ausnahme: Das Fläschchen. Mit dem Inhalt will sich Faust umbringen, dann kredenzt ihm Mephisto daraus den Verjüngungstrank; und Gretchen bekommt es, um die Mutter einzuschläfern. Und schließlich, im Dom, bleibt von Goethes „Nachbarin, euer Fläschchen“ auch nur das „das Fläschchen“ übrig.
Und der Schluss?
Bei Goethe ist die Sache klar: Die Buhlerin und Kindsmörderin Gretchen scheint eine sichere Beute der Hölle. Mephisto: „Sie ist gerichtet!“ – Aber der Himmel begnadigt die verführte Unschuld: Stimme von oben: „ist gerettet!“ – Bei Rasche, wo’s weder Himmel noch Hölle gibt, bleibt das fernere Schicksal ungewiss. Und was wird eigentlich aus Faust / Mephisto? Ein echter Cliffhanger! Also: Nächstes Jahr, gleicher Ort, gleiche Zeit, gleicher Titel, nur mit einer angehängten „II“?
PS: Eine Fahrkarte München – Wien gibt’s bereits ab 40 Euro.
Salzburger Festspiele 2026:
Johann Wolfgang von Goethe: Faust I – Eine Tragödie
Koproduktion mit dem Residenztheater München
Ulrich Rasche – Regie und Bühne
Alfred Brooks – Komposition und Tondesign
Annika Lu – Kostüme
Florian Seufert – Video
Gerrit Jurda – Licht
Yannik Stöbener – Körperarbeit
Yvonne Gebauer – Dramaturgie
Constanze Kargl – Dramaturgie
Steven Scharf – Faust
Valery Tscheplanowa – Mephistopheles
Anna Dexler – Margarethe
Johannes Nussbaum – junger Faust
Max Rothbart – Valentin
Fotos: Salzburger Festspiele – Jörg Brüggemann / Marco Borelli
https://www.salzburgerfestspiele.at/fotoservice/faust-i-2026

Fotograf: Jörg Brüggemann

Valery Tscheplanowa – Mephistopheles Foto Jörg Brüggemann

Steven Scharf Faust
Anna Drexler Margarete Foto: Marco Borelli
Johannes Nussbaum Young Faust

Foto: Jörg Brüggemann

Foto: Jörg Brüggemann

Johannes Nussbaum Young Faust Foto Marco Borelli




