Honoré Daumier
Spiegel der Gesellschaft 
6. Februar – 25. Mai 2026
Die politische Lage ist instabil, eine ruchlose Clique missbraucht ihre Macht, die Wirtschaft kriselt und die gesellschaftliche Situation wird immer komplexer und unübersichtlicher. Die Schilderung der Verhältnisse im Frankreich des 19. Jahrhunderts scheint merkwürdig gegenwärtig und so ist es auch
mit der zeitlos aktuellen Kunst des großen Honoré Daumier. Mit spitzer Feder und unbestechlichem Humor hält er seiner Zeit den Spiegel vor, prangert Machtmissbrauch und soziale Missstände an. Seine schonungslose Kritik bringt ihn immer wieder in Konflikt mit der Zensur, für die Freiheit der Kunst geht er sogar ins Gefängnis. Als scharfsinniger Beobachter zeigt Daumier darüber hinaus aber auch das alltägliche Leben in der modernen Großstadt Paris.
Die ALBERTINA präsentiert heuer die erste große Daumier-Schau seit 90 Jahren, wobei seine Kunst nicht weniger aktuell erscheint als zur Entstehungszeit. Unterstützt durch wesentliche Leihgaben des Städelschen Museumsvereins aus der Sammlung Hellwig wird der französische Künstler nun in neuem
Licht gezeigt. Neben zahlreichen Lithografien und Zeichnungen sind auch seine berühmten Gemälde und Skulpturen ausgestellt – sowie ein Animationsfilm zum Werk Daumiers, der auf einer Idee von Linda und Paul McCartney beruht und von letzterem vertont wurde. In Kooperation mit dem Städel Museum, Frankfurt am Main.
Texte der Ausstellung
Honoré Daumier. Spiegel der Gesellschaft
Der französische Künstler Honoré Daumier (1808–1879) fasziniert als genauer Beobachter, brillanter Zeichner und pointierter Erzähler. Großer Popularität erfreuen sich neben seinen Gemälden und Plastiken insbesondere die über 4 000 Lithografien, die er für verschiedene Pariser Zeitschriften entwarf. Mit seinen engagierten Karikaturen wurde er zum Gewissen einer Epoche des Umbruchs: Einschneidende Ereignisse wie die Revolutionen von 1830 und 1848 oder der Deutsch-Französische Krieg 1870/71 prägten sein Jahrhundert ebenso wie ein tiefgreifender sozialer Wandel. Daumier begleitete Frankreichs langen Weg von der Monarchie zur Republik mit kritischem, immer aber zutiefst menschlichem Blick auf die Umstände der Zeit. Sein Fokus galt dem Geschehen in Politik, Justiz und Kultur. Darüber hinaus kommentierte er mit feinsinniger Komik das moderne Großstadtleben in einer Phase des Wandels oder die ganz alltäglichen Probleme der Bevölkerung. Neben dem umfangreichen druckgrafischen OEuvre schuf der Künstler zahlreiche Plastiken und ab Mitte der 1840er-Jahre eine zunehmende Zahl von eigenständigen Zeichnungen und Gemälden, die seine enorme gestalterische Ausdruckskraft und Sensibilität bezeugen. Daumiers Auseinandersetzung mit grundlegenden Fragen wie jener nach der Meinungs- und Pressefreiheit oder dem individuellen politischen Engagement verleihen seiner Kunst eine bis heute anhaltende Aktualität. Die Ausstellung präsentiert eine Auswahl von rund 200 Werken aus dem gesamten OEuvre und in allen Gattungen. Dabei werden die Bestände der Albertina ganz wesentlich durch wertvolle Leihgaben ergänzt. Zahlreiche Exponate stammen aus der herausragenden Sammlung des Frankfurter Daumier-Kenners Hans-Jürgen Hellwig, die 2024 als Schenkung an den Museums-Verein des Städel
Museums ging. Zusammen mit ausgewählten Gemälden weiterer europäischer Leihgeber vermitteln diese Werke den außergewöhnlichen Erfindungsreichtum und Humor eines Künstlers, dessen Schaffen als Spiegel der Gesellschaft von zeitloser Gültigkeit ist. In Kooperation mit dem Städel Museum, Frankfurt am Main
Daumiers Vorläufer
Schon während der Revolution 1789 erfreute sich die politische Karikatur in Frankreich großer Beliebtheit. Unter der darauffolgenden Herrschaft Napoléon Bonapartes wurde die kritische Bildsatire jedoch fast gänzlich verboten, erst nach dem Sturz des Kaisers kam es 1814/15 zu einer neuen Welle von Veröffentlichungen. Einzelne Motive dieser häufig anonymen Blätter sollten wenige Jahre später in aktualisierter Form auch von Honoré Daumier aufgegriffen werden. So zeigt eine Radierung den Comte d’Artois, den späteren Charles X., wie er napoleonische Orden verzehrt und als königliche Lilienorden wieder ausscheidet. Mithilfe der traditionsreichen Verdauungsmetapher kritisiert die Darstellung mangelnde Loyalität und obrigkeitliche Günstlingswirtschaft. Der Opportunismus der politischen Akteure und ihrer Gefolgsleute wird auch im populären Motiv der Wetterfahne thematisiert: Janusköpfig lässt ein menschliches Fähnchen im Wind hier gleichzeitig den Kaiser und den König hochleben. Unter Bezugnahme auf ein Sprichwort wurde
das Ende Napoleons im Jahr 1815 als abfallende Birne verbildlicht, in deren Blatt das Profil des Regenten eingezeichnet ist. Der Frucht sollte in den 1830er-Jahren noch eine große Karriere als politisches Symbol beschieden sein.
Von Birnen und Königen
Einen ersten Höhepunkt fand Daumiers karikaturistische Tätigkeit in den Folgejahren der Julirevolution von 1830, die zur Abdankung von König Charles X. und zur Regierung Louis-Philippes von Orléans führte. Die anfängliche Hoffnung auf eine liberale Wende wich schnell der Ernüchterung: Entgegen seinem Ruf als »Bürgerkönig« agierte Louis- Philippe vor allem im Interesse der Oberschicht und verfolgte eine zunehmend autoritäre Politik. In Anspielung auf seine körperliche Erscheinung wurde die Birne zum Symbol für den Machthaber; in Zeitungskarikaturen oder als Graffiti an Pariser Hauswänden war die Frucht bald allgegenwärtig. Der Herausgeber Charles Philipon trug mit seinen Skizzen des Kopfes von Louis-Philippe wesentlich zur Verbreitung des Bildes bei. Auch Daumier griff das Motiv auf, etwa wenn eine überdimensionale Birne in die Höhe gezogen und der König damit symbolisch gehängt wird. In der berühmten Lithografie Gargantua verspeist ein birnenköpfiger Riese anders als die gleichnamige Romanfigur des 16. Jahrhunderts keine kulinarischen Leckerbissen. Vielmehr verschlingt er das Geld seiner verarmten Untertanen, um es in Form von Gesetzen und Erlässen für seine Günstlinge wieder auszuscheiden. Die Darstellung kritisiert auf anschauliche Weise die Gier des Herrschers und die Dysfunktionalität seines korrupten Regimes. Entsprechend wurde das Blatt von der Zensur verboten und Künstler, Verleger und Drucker zu Geld- und Gefängnisstrafen verurteilt.
Pressefreiheit und Zensur
In den Folgejahren der Julirevolution von 1830 war ein beständiger Wechsel zwischen Verschärfungen und leichten Lockerungen der staatlichen Zensur zu beobachten. Daumier kommentierte diese Entwicklungen in pointierten Karikaturen, die die Freiheit der Presse und ihre Beschränkung explizit
thematisieren. 1832 musste der Künstler aufgrund seiner politischen Agitation eine sechsmonatige Gefängnisstrafe in der Anstalt Sainte-Pélagie antreten: Eine seiner Lithografien zeigt die vergleichsweise moderaten Haftbedingungen vor Ort. Nach einem Attentat auf König Louis-Philippe kam es mit den sogenannten Septembergesetzen 1835 zu einer massiven Einschränkung der Pressefreiheit, bildliche Darstellungen des Königs und seiner Familie wurden verboten. Ein Musterexemplar jeder Karikatur musste vor der Veröffentlichung der staatlichen Zensurbehörde vorgelegt werden, die ihre Zustimmung (»oui« oder »autorisé«) oder Ablehnung (»non« oder »refusé«) mit rotem Stift auf dem Blatt vermerkte. Als Konsequenz dieser verschärften Bestimmungen wurde die Zeitschrift La Caricature eingestellt. Der täglich erscheinende Charivari beendete vorerst alle politischen Aktivitäten und ging zur Publikation von Genregrafiken über. Erst mit der Revolution wurden diese Maßnahmen 1848 vorübergehend wieder aufgehoben.
Anklage und Angriff
In seinem Einsatz für Meinungs- und Pressefreiheit erwies sich Daumier in den 1830er-Jahre als beißender Kritiker König Louis-Philippes und seines Regimes. Der Künstler beteiligte sich am politischen Diskurs mit einer Reihe von ikonischen Werken wie Le Ventre législatif (Der gesetzgebende
Bauch) oder Rue Transnonain, le 15 avril 1834 (Rue Transnonain, am 15. April 1834), in denen er die Mächtigen und ihre Taten scharf verurteilte. Als separate Blätter für die Association mensuelle, eine Vereinigung des Herausgebers Charles Philipon, gedruckt, sollte der Verkauf dieser großformatigen Lithografien die staatlichen Strafzahlungen gegen dessen Zeitungen finanzieren. Zu Daumiers wohl bekanntesten Werken zählen auch die Porträts verschiedener Persönlichkeiten des »juste milieu«, der »richtigen Mitte«. Darunter sind Parlamentarier und andere Vertreter der politischen Elite, deren überzeichnete Physiognomien in Lithografien und Plastiken leicht wiederzuerkennen waren. In ihrer schillernden Vielgestaltigkeit wurde schließlich die ursprünglich literarische Figur des Robert Macaire zu einer der erfolgreichsten Bilderfindungen des Künstlers: Mit Auftritten als Börsenmakler, Versicherungsbetrüger oder opportunistischer Geizkragen verkörpert er das rücksichtslose Gewinnstreben der Julimonarchie.
1848 – Revolution in Wien
Ausgehend von Frankreich breiteten sich die demokratischen Forderungen nach Presse- und Meinungsfreiheit im Jahr 1848 in ganz Europa aus. Auch in Österreich hatte eine strenge Zensur geherrscht, deren Abschaffung infolge der Märzrevolution eine Flut von satirischen Bildwerken und neuen Zeitungspublikationen hervorbrachte. Eine der ersten zensurfreien Karikaturen des Jahres stammt von Anton Zampis und zeigt den zurückgetretenen Staatskanzler Fürst Klemens Wenzel Lothar von Metternich, der das Land fluchtartig in Richtung Großbritannien verlässt. Die Bildunterschrift – »Jede Konstitution erfordert Bewegung« – nimmt in ironischer Doppeldeutigkeit auf die Verfassung als zentrales Anliegen der Revolution Bezug. Aus der Serie Komische Lebensbilder, die Zampis gemeinsam mit August von Pettenkofen schuf, stehen einige Blätter Honoré Daumiers Werken besonders nahe. In verschiedenen Alltagssituationen sinnieren Bürger hier über die opportunste Gesinnung oder beobachten als scheinbar Unbeteiligte den Beginn des politischen Frühlings.
Das Ende des metternichschen Polizeistaats wird auch in einer fabelartigen Lithografie Carl Joseph Geigers thematisiert: Eine sogenannte Katzenmusik – ein Charivari – zieht mit Trommeln, Ratschen und Pfeifen durch Wien und vertreibt mit diesem Lärm die wortspielerisch als Hunde dargestellten Spitzel des alten Systems.
Aufbruch und Repression
Die sozialen und politischen Missstände sowie die mangelnde Mitbestimmung aufgrund des ungleichen Wahlrechts hatten im Februar 1848 zur Revolution geführt. In der Folge floh König Louis- Philippe ins englische Exil, für kurze Zeit herrschte in Frankreich Euphorie. Am 24. Februar des Jahres wurde die Republik ausgerufen. Programmatisch lautete der erste Satz in der Ausgabe des Charivari am folgenden Tag: »Paris, das am Morgen monarchisch aufgestanden ist, geht heute Abend republikanisch zu Bett«. Daumier trug zur allgemeinen Aufbruchstimmung mit Werken wie Dernier conseil des ex-ministres (Die letzte Kabinettssitzung der Ex-Minister) bei, das die Personifikation des befreiten Frankreichs als strahlende Hoffnungsträgerin inszeniert. Die zentrale Rolle der Frauen für den gesellschaftlichen Wandel spiegelte der Künstler in Serien wie Les Divorceuses (Die Scheidungsrechtlerinnen).
Schon bald stellte sich jedoch Ernüchterung ein: Es begann die Herrschaft Louis-Napoléon Bonapartes, der zunächst als Präsident der Zweiten Republik und ab 1852 als Kaiser Napoleon III. autoritär regierte. Demokratische Grundrechte wie das Wahlrecht oder die Pressefreiheit wurden wieder zunehmend unterdrückt. Mit seinem Ratapoil schuf Daumier die Symbolfigur eines bonapartistischen Schergen. In zerschlissener Kleidung und mit einem zerbeulten Hut und einem Stock verweist er auf die skrupellosen Schlägertrupps, die Napoleon zur Sicherung seiner Macht ins Leben gerufen hatte
Welt aus dem Gleichgewicht
Der Frieden in Europa war zu Daumiers Lebzeiten instabil, die Kräfteverhältnisse verschoben sich. Bereits ab 1850 erschien die mit einigen Unterbrechungen fortlaufend in Le Charivari publizierte Serie Actualités (Tagesgeschehen), die auch der internationalen Politik eine große Bühne bot. Zur anschaulichen Formulierung seiner Bildinhalte erfand der Künstler vielfach Personifikationen wie die auf einer gezündeten Granate balancierende Gestalt Europas oder die gebrechliche Dame Diplomatie. Daneben ging er immer wieder auf konkrete Nationen und Gebiete ein. So zeigt er Ferdinand II., den für seine Brutalität bekannten König von Neapel, der von seinem Balkon aus auf die von Leichen gepflasterte Stadt blickt. Das Blatt erhielt in einem späteren Zustand die ironische Bildunterschrift: »Ich sehe mit Befriedigung, dass alles ruhig zu werden scheint […].« Auch andere Themen wie die »Orientalische Frage«, das preußische Machtstreben, die ökonomische Öffnung Japans oder die nationale Einigung Italiens wurden von Daumier in satirischen Darstellungen aus
französischer Perspektive inszeniert. Formal zunehmend auf die ausdrucksstarke Linie und damit auf ein grafisches Minimum reduziert, sind diese Blätter von monumentaler Kraft und drastischer Schärfe.
Ideal und Wirklichkeit
Während Daumier in seinen Lithografien ein vielfältiges Bild der Gesellschaft und des politischen Geschehens ausbreitete, wählte er in der Malerei vermehrt literarische Themen. Die in der Druckgrafik häufig konkreten Schilderungen werden hier zu allgemeingültigen Allegorien. Ein wiederkehrendes Motiv sind die Figuren des heldenmütigen Ritters Don Quijote und seines pragmatischen Begleiters Sancho Panza. Das Gegensatzpaar aus der Feder Miguel de Cervantes’ diente Daumier zum Nachdenken über Idealismus und Realitätssinn, aber auch über Möglichkeiten und Bedingungen der Kunstproduktion. So spiegelt der rastlose, vergeblich gegen das Unrecht ankämpfende Don Quijote die eigenen Bemühungen des Künstlers. Auch in den Fabeln Jean de La
Fontaines fand Daumier einen Anlass zur Auseinandersetzung mit wahren und gelebten Werten: Etwa, wenn sich zwei Diebe um einen gestohlenen Esel prügeln, während dieser von einem Dritten entwendet wird. Daumier griff auf seine Erfahrungen als Karikaturist zurück, um mit reduzierten Mitteln maximale Wirkung zu erzielen. Starke Hell-Dunkel-Kontraste oder betont zeichnerische, dynamische Umrisslinien verleihen seinen Gemälden eine ungemeine Präsenz. Der Künstler befreit die literarischen Szenen so vom Anekdotischen und konzentriert sich ganz auf das Wesen seiner Protagonisten. Mit
großer Eindringlichkeit stellt er die Frage nach dem Auseinanderklaffen von Ideal und Wirklichkeit.
Sterbende Monarchie
Während Daumier von 1860 bis 1863 nicht für Le Charivari tätig war, widmete er sich im folgenden Jahrzehnt seines Schaffens erneut und intensiv der politischen Karikatur. Mit der schrittweisen Lockerung der Zensur ab 1866 erweiterte sich sein inhaltlicher Spielraum wieder beträchtlich. In Werken wie À droite ou à gauche? (Nach rechts oder nach links?) nahm der Künstler auf das Zaudern und die Wankelmütigkeit konkreter Amtsträger seiner Zeit Bezug.
Die spätesten politischen Lithografien sind die allegorisch aufgeladenen Blätter der frühen 1870er- Jahre. Das versinnbildlichte Frankreich zeigt sich darin als Gefesselte oder als vom Blitz getroffene Eiche, die trotz aller Widrigkeiten standhaft bleibt. Mit seiner Darstellung der sterbenden Monarchie
in ihrem schlichten Sarg veranschaulicht Daumier eindringlich das Ende der Herrschaft Napoleons III. Nach zahlreichen Umbrüchen, Revolutionen und Regierungswechseln erlebte der Künstler, der stets für seine demokratischen Ideale einstand, im Jahr 1870 die Ausrufung der Republik.
Kunstbetrachtungen
Auf selbstreflexive Weise griff Daumier das Thema der Kunst, ihrer Urheber und ihrer Betrachtung auf. Das in mehreren Gemälden variierte Motiv der Grafikliebhaber zeigt Kunstinteressierte beim konzentrierten Studium von Blättern, wie auch er selbst sie schuf. Mit der Serie L’Exposition de 1859
(Die Ausstellung von 1859) hingegen persiflierte er den alljährlich stattfindenden Pariser Salon als zentrale Institution des Kulturbetriebs, bei dem eine als konservativ verrufene Jury über die Annahme von Werken entschied. Er nahm dabei nicht nur die teilnehmenden Künstler, sondern auch die
Sehgewohnheiten einer von der eigenen Kennerschaft überzeugten Bourgeoisie aufs Korn. Im Rückgriff auf antike Themen setzte sich Daumier zudem auf humorvolle Weise mit den starren künstlerischen Normen seiner Zeit auseinander und spiegelte darin einen zunehmenden Bruch mit
akademischen Idealen. Auch die darstellende Kunst bot ihm mehrfach Anlass zu satirischen Bildfindungen, etwa wenn ein Besucher in der Loge des Théâtre Ventadour einnickt oder sich der Direktor als einziger Besucher seines eigenen Hauses einfindet. Gemälde wie die Theaterszene, die Ölstudie Crispin und Scapin oder die Zeichnungen zu Stücken Molières greifen auf tradierte Charaktere der französischen Bühnentradition zurück und legen den Fokus auf emotionale Zustände und die Beziehung zwischen den Dargestellten.
Aus dem vollen Leben
Fernab der Karikatur erzählte Daumier auch vom Alltag der gewöhnlichen Menschen. Es sind die Trinker, Schachspieler, Musikanten oder Wäscherinnen, die offenkundig seine Sympathie hatten. Überaus deutlich zeigen sich in den ab Mitte der 1840er-Jahre entstandenen Werken die präzise
Beobachtungsgabe und das enorme Einfühlungsvermögen des Künstlers. Ohne seine Figuren bloßzustellen, offenbart er ihr Empfinden und ihre Laster, ihr oft allzu menschliches oder vergebliches Tun. Besondere Aufmerksamkeit schenkte Daumier der Darstellung von Ringern, Straßenmusikant: innen oder Gaukler:innen, die er vor allem in den Medien der Malerei und Zeichnung thematisierte. Anhand der rastlosen Artistinnen und Artisten, die im Kontrast zu bürgerlichen Lebensformen standen, reflektierte er auch seine eigene Stellung als Künstler. Diese Werke dokumentieren ein profundes Interesse an der Monumentalisierung des vermeintlich Trivialen – am Großen in den kleinen Geschichten. Mit seinem konzentrierten Blick auf die Miene, Geste oder Haltung der Dargestellten fing er individuelle Gefühlswelten ein und destillierte zugleich aus dem scheinbar Beiläufigen einen menschlichen Ausdruck von dauerhaft gültiger Bedeutung.
Recht und Gerechtigkeit
Ein wiederkehrendes Motiv in den Genrekarikaturen des Republikaners Daumier ist seine scharfe Verurteilung von Eitelkeit und Machtmissbrauch, dem er auch selbst wiederholt ausgesetzt war. Über mehrere Jahrzehnte hinweg und in unterschiedlichen Medien beschäftigte er sich mit dem Justizsystem
und dessen Akteur:innen, mit Anwälten, Richtern und Angeklagten. Zwischen 1845 und 1848 wurde in Le Charivari die 38 Lithografien umfassende Folge Les Gens de justice (Die Juristen) veröffentlicht. Daumier reflektiert darin die Diskrepanz zwischen gesetzlich festgeschriebenem Recht und moralisch empfundener Gerechtigkeit. Teils augenzwinkernd, teils mit großer Ernsthaftigkeit beklagt er die Verfehlungen einer korrupten Justiz. In einem leichten Aquarell skizziert er durch Körperhaltung und Mimik der Dargestellten die Eigenheit dieser Berufsgruppe als eingeschworene Gemeinschaft. In ihren schwarzen Roben und mit strengem Blick werden Richter und Anwälte aber auch als hochmütige, selbstgerechte Ankläger charakterisiert. Mit seinen eindringlichen, ganz auf die Beteiligten fokussierten Bildern vermittelt der Künstler die einschüchternde Macht der Rechtsprechung und das Ausgeliefertsein der Einzelnen.
Moderne Zeiten
Der mehrfache Umbruch des politischen Systems, die rasante Entwicklung der Industrie und der technische Fortschritt veränderten den Alltag im 19. Jahrhundert radikal. Zu den folgenreichsten Neuerungen zählten die Erfindung der Fotografie, der Ausbau des Zeitungswesens oder die Verwandlung von Paris in eine moderne Metropole unter Georges-Eugène Baron Haussmann. Mit großem Humor zeigt Daumier etwa die nächtliche Störung eines Bürgers, der aufgrund der massiven städtebaulichen Umgestaltung vor seinem Fenster aus dem Schlaf gerissen wird. Mehrteilige Folgen wie die erstmals 1852 erschienenen Physionomies des chemins de fer (Physiognomien der Eisenbahnen) der Les Trains de plaisir (Die Ausflugszüge) setzen sich mit dem Phänomen des wachsenden Tourismus auseinander und belächeln den nur vermeintlichen Komfort des Reisens in zunehmend überfüllten Eisenbahnen. Und auch der seit der Revolution 1789 entfachte Kampf um Gleichberechtigung und die gesellschaftliche Rolle der Frau wurde in satirischen Serien wie Les Bas-bleus (Die Blaustrümpfe) thematisiert. Mit seinen Karikaturen stellte Daumier dabei stets die Frage nach den sozialen Implikationen dieser Errungenschaften in einer sich wandelnden Welt.
Spiegel der Gesellschaft
Über sein gesamtes Schaffen hinweg widmete sich Daumier immer wieder der Genrekarikatur. Insbesondere in Zeiten der verschärften politischen Zensur konzentrierte er sich auf die unverfängliche Beobachtung der sozialen und kulturellen Eigenheiten des Pariser Kleinbürgertums. Umfangreiche Serien wie Croquis d’expressions (Ausdrucksskizzen) oder Les Baigneurs bzw. Les Baigneuses (Die Badenden) zeigen pointiert zugespitzte Alltagsschilderungen und amüsieren durch die überzeichnete Gestik und Mimik der dargestellten Figuren. Ein häufiges Thema von Daumiers Lithografien ist das Verhältnis zwischen Eltern und ihren Kindern: So nimmt er überzogenen Vaterstolz ebenso aufs Korn wie die Vermittlung zweifelhafter Werte an die nachfolgende
Generation. In Honoré de Balzacs etwa gleichzeitig entstandenem Romanwerk Die menschliche Komödie fand dieses Panoptikum des irdischen Lebens ein literarisches Pendant. Aufgrund ihrer großen Beliebtheit erschienen zahlreiche Motive Daumiers nicht nur in der Zeitung, sondern wurden koloriert und auf hochwertigem Papier, separat oder in thematisch zusammengestellten Alben publiziert. Auf humorvolle Weise spiegeln diese Karikaturen die Gesellschaft des 19.Jahrhunderts und illustrieren dabei zeitlose Wahrheiten, die noch heute zum Schmunzeln anregen
Fotos:
Honoré Daumier
Der gesetzgebende Bauch, L’Association mensuelle, Jänner 1834
33,6 × 46,5 cm, Lithografie sur blanc
ALBERTINA, Wien
Honoré Daumier
Der Grafikliebhaber, ca. 1860/1862
31,2 x 25 cm, Öl auf Holz
Städel Museum, Frankfurt am Main, Eigentum des Städelschen Museums-Vereins e.V.
Honoré Daumier
Madame Greluche: Ach, wie ist das angenehm, Gustave!, 1840–1842
26,4 × 35,2 cm, Lithografie, koloriert, sur blanc
ALBERTINA, Wien
Honoré Daumier
Gargantua, 1831 (unpubliziert)
27,4 × 36,6 cm, Lithografie sur blanc
Städel Museum, Frankfurt am Main, Eigentum des Städelschen Museums-Vereins e.V.
Honoré Daumier
Lasst den Vorhang fallen, die Posse ist aus, La Caricature, 11.09.1834
26,5 × 35 cm, Lithografie sur blanc
Städel Museum, Frankfurt am Main, Eigentum des Städelschen Museums-Vereins e. V.
Félix Nadar
Honoré Daumier, 1856/1858
Bibliothèque nationale de France, Département des Estampes et de la photographi





