Die Bonboniere
Tante Martchen hatte Geburtstag und mir fiel mal wieder nichts ein, was ich ihr schenken könnte.
Ein Buch? Sie liest nicht.
Eine Müslischale? Sie hat genug Schalen.
Ein Badetuch? Tante Martchen ist 90 und kommt nicht mehr in die Wanne.
Eine Seife? Zehn Seifen liegen seit Jahren verduftet und zerkrümelt zwischen ihrer Wäsche.
Ein neues Parfüm? Erstens ist es mir zu teuer und zweitens muss sie bei starken Gerüchen immer niesen.
Einen Gutschein? Wofür? Für eine Dampferfahrt. Ach nein, da müsste ich mit.
Also doch wieder einen Konfektkasten, wie jedes Jahr. Davon kriegt sie Verstopfung.
Egal, mir fiel nichts besseres ein.
Alle waren schon da und warfen mir vor, dass ich eine Stunde zu spät kam. Auf Tante Martchens Geburtstagstisch lagen einfallsreiche Geschenke. Eine Kniedecke. Die ist nicht so schwer, wie eine große. Ein Nackenhörnchen, was sie sich beim Fernsehen umlegen kann. Ein Paar neue Hausschuhe und ein moderner Tischläufer und und und.
Ich legte meinen Konfektkasten an den Rand dazu und muss zugeben, er sah mickrig aus gegen die netten Sachen der anderen.
Tante Martchen war fröhlich und bedankte sich für mein Geschenk so, als wäre es etwas Besonderes. Sie sah mich lange freundlich an und sagte, dass ich mit der Bonboniere den Vogel abgeschossen hätte.
Ich glaubte ihr.
Vier Monate später kam Tante Martchen mit dem Taxi zur verabredeten Kaffeestunde. Sie wolle mit mir über ihr Vermächtnis sprechen.
Mit mir? Ausgerechnet mir wollte sie etwas vererben?
Sie brachte einen Konfektkasten mit! War es der, den ich ihr geschenkt hatte?
Tante Martchen sagte, wir sollten etwas davon probieren, ehe über ihr Vermächtnis geredet wird.
Ich nahm ein Stück und nach Aufforderung noch zwei oder drei.
Ich bin jetzt ein Pflegefall, halbseitig gelähmt, kann nicht sprechen.
Tante Martchen sitzt an meinem Bett, sieht mich lange freundlich an und sagt, dass ich mit meiner Bonboniere endgültig den Vogel abgeschossen hätte.




