ALTENBERGER MADONNA FÜR DAS STÄDEL ERWORBEN
EINE DER BEDEUTENDSTEN SKULPTURENERWERBUNGEN IN DER GESCHICHTE DES STÄDEL MUSEUMS / GOTISCHE MADONNA KEHRT IN DEN ALTENBERGER ALTAR IM STÄDEL ZURÜCK / WERK IST AUF DER LISTE NATIONAL WERTVOLLEN KULTURGUTES VERZEICHNET

Frankfurt am Main, 27. Januar 2026. Für das Städel Museum ist es eine der bedeutendsten Erwerbungen seiner Geschichte: Die Thronende Muttergottes (um 1320/1330) aus dem Altenberger Altar konnte durch die Unterstützung der Ernst von Siemens Kunststiftung, des Städelschen Museums-Vereins sowie der Kulturstiftung der Länder für das Städel Museum angekauft werden. Die Figur, auch bekannt als Altenberger Madonna, zählt zu den bedeutendsten Kunstwerken der mittelalterlichen Bildhauerei in Deutschland und gehört zu den ältesten Beispielen der Kölner Bildhauerkunst des 14. Jahrhunderts. Einzigartig wird sie durch ihre hervorragend erhaltene originale Fassung. Die Altenberger Madonna ist im Verzeichnis national wertvollen Kulturguts aufgeführt und daher vor dem Export geschützt.
Die Thronende Muttergottes ist Teil des Altarretabels aus der Klosterkirche im hessischen Altenberg. Seit 100 Jahren besitzt das Städel Museum die Gemäldeflügel dieses Altars. Mit dem originalen Altarschrein, einer Dauerleihgabe aus dem Schlossmuseum Braunfels, ist der Altenberger Altar ein Hauptwerk der aktuellen Sammlungspräsentation. Die Gemälde auf den Altarflügeln sind die ältesten Zeugnisse deutscher Malerei im Städel Museum. Im Altarschrein thronte einst die Altenberger Madonna. Die Skulptur befindet sich seit den 1920er-Jahren in süddeutschem Privatbesitz und wurde seit 1981 als Dauerleihgabe im Bayerischen Nationalmuseum München verwahrt. Mit der Erwerbung der Altenberger Madonna sind nun alle Bestandteile des Altarretabels wieder vollständig vereint und ab sofort dauerhaft im Städel Museum zu sehen.

Philipp Demandt, Direktor des Städel Museums, über den Ankauf: „Nach einhundert Jahren ist die berühmte Altenberger Madonna zurück in ihrem zugehörigen Altar – eine lang ersehnte Sternstunde in der Geschichte des Städel Museums! Dass der Ankauf dieses herausragenden Kunstwerkes gelungen ist, verdanken wir der Weitsicht der Eigentümer und dem Engagement unserer Förderer. Mein großer Dank richtet sich an die Ernst von Siemens Kunststiftung, an den Vorstand und alle Mitglieder unseres Fördervereins sowie an die Kulturstiftung der Länder.“
Martin Hoernes, Generalsekretär der Ernst von Siemens Kunststiftung, zum Engagement der Stiftung: „Als Ernst von Siemens Kunststiftung setzen wir uns dafür ein, dass bedeutende Zeugnisse der Kunst- und Kulturgeschichte heute und in Zukunft erhalten bleiben. Die Altenberger Madonna ist nicht nur ein bemerkenswert frühes, sondern auch bezauberndes Zeugnis der Kölner Bildhauerkunst des Mittelalters. Von Köln über Altenberg kommt sie nun nach Frankfurt. Unserem Gründer, dem Unternehmer und Mäzen Ernst von Siemens, war es stets wichtig, die Kunstwerke an den richtigen Ort zu bringen, um sie dort einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Im Städel Museum ist dieser Platz nicht nur folgerichtig, sondern auch vortrefflich gefunden.“
Sylvia von Metzler, Vorsitzende des Städelschen Museums-Vereins: „Seit mehr als 125 Jahren engagieren sich die Mitglieder des Städelvereins für ihr Städel Museum. Neben Sonderausstellungen und Restaurierungsvorhaben liegen uns seit jeher die Erwerbungen am Herzen. Das Städel Museum beim Ausbau seiner Sammlung großzügig zu unterstützen, ist Ausdruck unserer tiefen Verbundenheit. Der Altenberger Altar ist das älteste Werk deutscher Kunst im Städel, und dass er nun dauerhaft durch die Madonna vervollständigt werden kann, erfüllt uns mit außerordentlicher Freude.“
Christine Regus, Generalsekretärin der Kulturstiftung der Länder, zur Erwerbung: „Die Altenberger Madonna ist zweifelsohne ein Kulturgut nationalen Ranges und zählt, auch angesichts ihres hervorragenden Erhaltungszustands, zu den bedeutendsten Zeugnissen mittelalterlicher Kunst in Deutschland. Dieses Werk gehört ins Städel Museum, wo es dauerhaft als Teil des Gesamtkunstwerks Altenberger Altar der Öffentlichkeit zugänglich sein wird. Daher war es uns ein wichtiges Anliegen und eine große Freude, diese Erwerbung zu unterstützen.“
Altenberger Altar und Madonna
Seit dem späten 13. Jahrhundert eroberten bildlich geschmückte Retabel dauerhaft die Altäre der Kirchen im lateinischen Europa. Die Bildaufgabe Altarretabel sollte fortan für Jahrhunderte Maler und Bildhauer gleichermaßen beschäftigen und eine der Haupttriebfedern der künstlerischen Entwicklung bilden. Für die Hauptaltäre der Kirchen nördlich der Alpen wurde das doppelt „wandelbare“ Altarretabel geschaffen, ein Altaraufsatz, der mit seinem Klappmechanismus den wechselnden liturgischen Anforderungen kirchlicher Zeremonien an Werk-, Sonn- und Feiertagen gerecht werden konnte. Der Altenberger Altar, das Hochaltarretabel der Klosterkirche der Prämonstratenserinnen in Altenberg an der Lahn bei Wetzlar, entstand um 1330 und ist damit eines der frühesten erhalten gebliebenen Beispiele für diese Entwicklung.

Die Werktagsseite des Altarbildes zeigte vor dunklem Grund die Leidensgeschichte Christi. Dass die Flügel in sich faltbar waren, ermöglichte eine schrittweise Enthüllung des zentralen Schreinkastens, in dessen Zentrum die Altenberger Madonna, umgeben von den Reliquienschätzen des Klosters, präsentiert wurde. So zeigte die partielle Sonntagsöffnung des Altarretabels die Madonna flankiert von Bildern aus dem Marienleben. Erst bei der vollständigen Öffnung des Retabels wurde zudem die Darstellung der Heiligen Elisabeth von Thüringen sichtbar.
Das Kloster war auf das Engste mit der hessisch-thüringischen Landgrafenfamilie verbunden, seit Elisabeth von Thüringen (1207–1231) nach dem Tod ihres Mannes Ludwig von Thüringen (1200–1227) die jüngste Tochter Gertrud (1227–1297) in die Obhut des Klosters gegeben hatte. Durch Gertrud, die als Äbtissin jahrzehntelang die Geschicke des Klosters bestimmte, und durch die Elisabeth-Reliquien war Altenberg – neben Marburg – ein zentraler Ort der Verehrung der hl. Elisabeth.
Die Figur der Thronenden Muttergottes (um 1320/1330) im Schrein des Altenberger Altars gehört zu einem weit verbreiteten und berühmten, auf französische Vorbilder zurückgehenden Typus von in Köln entstandenen thronenden Marienfiguren mit stehendem Christuskind. Diese Madonnen werden heute als Zeugnisse der Kunst des christlichen Mittelalters in zahlreichen Museumssammlungen bewahrt. So besitzt etwa auch die Liebieghaus Skulpturensammlung in Frankfurt neben einer Kölner Madonna der Zeit um 1350, die formal der Altenberger Madonna gleicht, eine wohl in Paris entstandene steinerne Thronende Muttergottes der Jahre um 1300/1310, die diesen Typus bereits voll ausgeprägt vorwegnimmt.
Die Altenberger Madonna übertrifft vergleichbare Kölner Skulpturen durch ihre künstlerische Qualität und ihren hervorragenden Erhaltungszustand. Die wie üblich bei diesem Figurentyp als beseelt lächelnde, mädchenhaft junge Frau dargestellte Maria sitzt auf einer mit einem dünnen Kissen versehenen Thronbank frontal vor einer hohen Rückwand, die in einem spitzen, von Krabben besetzten Giebel endet. Marias Füße ruhen auf einem vorgelagerten polygonalen und mit durchbrochenem Maßwerk geschmückten Podest. Mit ihrer rechten Hand hält die Muttergottes geziert den Rest vom Stiel einer Lilie, dem Symbol ihrer Jungfräulichkeit, das zugleich auch auf das Zepter der Himmelskönigin verweist. Mit ihrer Linken stützt sie den Oberkörper ihres Sohnes, der aufrecht mit einem Fuß auf ihrem linken Oberschenkel, mit dem anderen noch auf der Thronbank steht. Dabei hält er seinen rechten Arm ausgestreckt nach links vorn, als wolle er nach der (heute fehlenden) Lilie greifen, wie überhaupt seine ganze Körperbewegung nach links ausgerichtet ist, während Maria in ihrer Körperhaltung leicht nach rechts tendiert. Mit seiner linken Hand hat das Kind die Beinchen einer kopfüber gehaltenen Kohlmeise umfasst, die ihn dafür schmerzhaft in den Finger pickt – ein Hinweis auf die zukünftigen Passionsleiden Christi.
Als Patronin der Kirche und des Klosters Altenberg dominierte Maria als thronende Muttergottes das Zentrum des Hochaltarschreins, inmitten von Reliquien. Die Figur war nicht zu übersehen, denn sie überstrahlte ihre Umgebung: Sie und ihr Kind sind in leuchtend goldene Gewänder gekleidet, deren Säume mit „Edelsteinen“ aus Glasfluss besetzt waren, wodurch ihre Rollen als Himmelskönigin und Himmelskönig vergegenwärtigt wurden. Die Skulptur trug in diesem Sinne daher einst auch eine Krone. Dies erklärt auch die Gestaltung des Sitzes als prächtigen Thron. Wie seine hohe und mit Blattkrabben bestückte Rückenlehne ist der Thron vergoldet und mit einem reichen Ornament aus gepunzten Rauten und Blüten geschmückt. Marias goldener Mantel fällt außerdem so von ihrer rechten Schulter über ihren rechten Arm, Unterleib und die Beine, dass sein mit Hermelin verbrämtes Innenfutter demonstrativ sichtbar wird. Auch dies ist ein Verweis auf ihre Rolle als Herrscherin des Himmels.
Das Frauenkloster Altenberg und nicht zuletzt die Altenberger Madonna als Teil des anspruchsvollen repräsentativen Hochaltars der Prämonstratenserinnen stehen geradezu idealtypisch für eine von Frauen praktizierte klösterliche Lebenskultur, die die Nonnen entgegen den für die damalige Zeit alltagstypischen männerbestimmten Sozialhierarchien zu entwickeln verstanden.

Provenienz Die Geschichte der Altenberger Madonna und ihr ursprünglicher Entstehungszusammenhang kann auch nach 700 Jahren detailliert nachvollzogen werden: Anfänglich als Einzelwerk vom Kloster erworben und aufgestellt, wurde sie bereits nach kurzer Zeit für das neue Hochaltarretabel der Kirche (um 1330) eingeplant und in dessen Mittelnische eingefügt. Das ergibt sich aus den Modifikationen des Thrones und seiner Rückwand: durch den Substanzverlust am Objekt lässt sich Entscheidendes über dessen Geschichte ablesen.
Nach der Auflösung des Klosters 1803 kam die Skulptur in den Besitz der Fürsten zu Solms-Braunfels, die sie 1916 an die Kunsthandlung A.S. Drey in München
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veräußerten. Spätestens 1929 (möglicherweise bereits 1926) wurde die Figur von dem Münchner Kunsthändler Julius Böhler erworben und befand sich bis zur Erwerbung in Familienbesitz.
Werkangaben Thronende Muttergottes Köln, um 1320/1330 Laubholz, gefasst 132 × 60 × 33 cm
Erworben 2026 mit Unterstützung der Kulturstiftung der Länder und von Traute Kirchholtes. Gemeinsames Eigentum mit der Ernst von Siemens Kunststiftung und dem Städelschen Museums-Verein e.V.
ALTENBERGER MADONNA FÜR DAS STÄDEL ERWORBEN
Ort: Städel Museum, Schaumainkai 63, 60596 Frankfurt am Main
Information: staedelmuseum.de
Besucherservice: +49(0)69-605098-200, info@staedelmuseum.de
Öffnungszeiten: Di, Mi, Fr, Sa, So + Feiertage 10.00–18.00 Uhr, Do 10.00–21.00 Uhr
Sonderöffnungszeiten: Aktuelle Informationen zu besonderen Öffnungszeiten unter staedelmuseum.de
Tickets und Eintritt: 18 Euro, ermäßigt 16 Euro; jeden Dienstag ab 15.00 Uhr 9 Euro; freier Eintritt für Kinder unter 12 Jahren. Gruppen ab 10 regulär zahlenden Personen 16 Euro pro Person. Für alle Gruppen ist generell eine Anmeldung unter Telefon +49(0)69-605098-200 oder info@staedelmuseum.de erforderlich.
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