PREMIERE Sa. 21.02.26 / 19:30 Uhr / Stadttheater
Uraufführung
Kassandra
Mathis Nitschke, Stefan Behrisch / Christa Wolf
Spartenübergreifendes Theater / Musik von Stefan Behrisch und Mathis Nitschke / Text
von Nadja Loschky und Yvonne Gebauer nach der Erzählung von Christa Wolf
Musikalische Leitung Anne Hinrichsen Inszenierung Nadja Loschky Konzeptionelle
Mitarbeit Yvonne Gebauer Bühne Katharina Schlipf Kostüme Irina Spreckelmeyer
Dramaturgie Jón Philipp von Linden Choreinstudierung Hagen Enke
Mit Christina Huckle, Mathis Meir, Bielefelder Opernchor, Bielefelder Philharmoniker
Gefördert im Rahmen von Fonds Neues Musiktheater
»Wann Krieg beginnt, das kann man wissen, aber wann beginnt der Vorkrieg? Falls es da Regeln gäbe, müsste man sie weitersagen. In Ton, in Stein eingraben, überliefern. Was stünde da? Da stünde, unter anderen Sätzen: Lasst euch nicht von den Eignen täuschen «, resümiert Kassandra, die nicht nur ebendiesen Krieg voraussagte, sondern ihre eigene Ermordung glasklar vor sich sieht. Und nur noch wenige Stunden Zeit hat, sich zu äußern.
Christa Wolfs starke Frauenfigur wird am Theater Bielefeld zum emotionalen Zentrum einer ungewöhnlichen Bühnenaktion: Die bildgewaltige Sprache Kassandras wird zum theatralen, schauspielerischen Akt; häufig tritt Christina Huckle, die der Figur Gestalt und Stimme verleiht, dabei in einen Dialog mit dem improvisierenden E-Cellisten Mathis Meir. Um sie herum mit immer wieder neuen Impulsen: Chor und Orchester. Sie flüstern, raunen, toben, stürmen und lassen in Musik ausbrechen, was im Innern der Figur und damit gewissermaßen zwischen den Zeilen rumort.
Worum drehen sich Kassandras Gedanken? Um den Untergang Trojas. Die sagenhafte Stadt der griechischen Antike war Schauplatz einer der ältesten niedergeschriebenen europäischen Heldensagen, gedichtet vom Griechen Homer. Namen wie Agamemnon, Achilles, Odysseus, die schöne Helena, die griechischen Götter und nicht zuletzt das trojanische Pferd (das als »Trojaner« längst Einzug in die digitale Gegenwart gefunden hat) erzählen im ausgesprochen patriarchal geprägten Tonfall vom zehnjährigen Krieg, an dessen Ende die Zerstörung einer der mächtigsten Hafenstädte des Mittelmeerraums stand – und der unendlich viele Menschen das Leben kostete. Sinnlos, einmal mehr.
1980 las die in der DDR lebende 51-jährige Schriftstellerin Christa Wolf eine Bearbeitung dieses Stoffes als Vorbereitung einer Griechenlandreise. Ihre daraus resultierende Erzählung »Kassandra«, erschienen 1983 zeitgleich in der Bundesrepublik und der DDR, schlägt einen erfrischend anderen Ton an.
Wer ist oder war die Frau mit dem klangvollen Namen? Kassandra, eine der zahlreichen Töchter des trojanischen Königs Priamos, gefiel dem Gott Apoll so gut, dass er ihr die Gabe der Seherin verlieh. Als sie trotz dieses Geschenks körperlichen Kontakt ablehnte, strafte er sie mit dem Fluch, niemand werde je ihren prophetischen Aussagen Glauben schenken. Prompt wurde ihre verzweifelte Warnung vor dem bevorstehenden Überfall der Griechen als Verrat aufgefasst, sie wurde nacheinander zum »schwarzen Schaf der Königsfamilie«, zur »verrückten« Außenseiterin, zum Sündenbock, schließlich zur Kriegsbeute
der Sieger. Christa Wolf legte Kassandra einen beachtlichen Monolog in den Mund, der mit feministisch geprägter Perspektive das »Heldentum« eines Achill zerlegt, das Schicksal der Familien und das Leid der Frauen während der zehnjährigen Belagerung aufzeigt und dem Grauen des Krieges Erkenntnis, weibliche Intuition und schmerzlich-liebevolle Erinnerungen gegenüberstellt.
Bielefelds Intendantin Nadja Loschky gestaltete mit Yvonne Gebauer Auszüge aus Christa Wolfs Erzählung zu einem theatralen Text, der von Christina Huckle in der Rolle der Kassandra gesprochen wird. Stefan Behrisch und Mathis Nitschkes Komposition oszilliert zwischen symphonischer, Schauspiel- und Filmmusik, schafft Atmosphäre durch Orchesterklang wie elektroakustische Elemente und bettet Christa Wolfs Sprache in einen Klangkosmos ein, an dem sich die Figur Kassandra teils abarbeiten muss, teils anschmiegen kann. Mit den Kostümen von Irina Spreckelmeyer und im Bühnenbild von Katharina Schlipf wird »Kassandra« zu einem intensiven Stück spartenübergreifenden Theaters, das große sinnliche Kräfte entfaltet und dessen zeitlose Thematik überraschend viel Assoziationen mit aktuellen Ereignissen birgt. Anne Hinrichsen leitet die Bielefelder Philharmoniker und den Bielefelder Opernchor.
Nächste Termine 27.02. / 03.03. / 07.03. / 17.03. / 12.04. / 24.04. / …
Karten theater-bielefeld.de / 0521 51-5454
MUSIKALISCHE LEITUNG
Seit der Spielzeit 2020/21 wirkt Anne Hinrichsen als Studienleiterin und Kapellmeisterin am Theater Bielefeld, wo sie seit der Spielzeit 2024/25 den Posten der koord. 1. Kapellmeisterin inne hat. In Bielefeld verantwortete sie bisher die musikalische Leitung für Produktionen wie »Dunkel ist die Nacht, Rigoletto!«, »Rusalka«, »Berlin Alexanderplatz« (UA), »Zazà« (WA) und »The Convert« (Deutsche Erstaufführung) sowie verschiedener symphonischer Formate. Gastdirigate führten sie zum Orquesta de València, Oviedo Filarmonía, zu den Jungen Sinfonikern Ostwestfalen und dem Berner Symphonieorchester.
Die gebürtige Norddeutsche studierte Klavier in Lübeck und Freiburg, setzte ihre Ausbildung im Rahmen der Orchesterakademie des Zürcher Opernhauses in den Bereichen Orchesterklavier und Korrepetition fort und spielte in Orchestern wie dem Lucerne Festival Orchestra, der Philharmonia Zürich und dem Philharmonischen Staatsorchester Hamburg. Ihre umfassenden Fähigkeiten als Klavierbegleiterin führten Anne Hinrichsen an die Zürcher Hochschule der Künste, wo sie bis 2020 als Korrepetitorin und Dozentin des PreCollege im Fach Blattspiel/Korrepetition angestellt war. Neben ihrer Tätigkeit als Chorleiterin wirkte sie zudem über mehrere Jahre am Konzert Theater Bern als Korrepetitorin, Assistentin und musikalische Leiterin und übernahm
dort ihre ersten Nachdirigate. In der Saison 2024/25 leitet sie u. a. die Kinderoper »Die kleine Hexe« (F. Wittenbrink) an der Komischen Oper Berlin und kehrte darüber hinaus als Gastdirigentin an die Bühnen Bern zurück.
INSZENIERUNG
Nadja Loschky studierte Musiktheaterregie an der HfM »Hanns Eisler« in Berlin. Parallel zu ihrem Studium assistierte sie Hans Neuenfels und arbeitete als freie Regisseurin an den Städtischen Bühnen Osnabrück. An diesem Theater entstanden in den folgenden Jahren unter ihrer Regie auch erste Inszenierungen im Bereich Kinder- und Jugendtheater. 2006 wurde ihre Interpretation von Frieds Mono-Oper »Das Tagebuch der Anne Frank« zum Theatertreffen der Jugend nach Berlin eingeladen. Es folgten weitere Engagements, unter anderem am Staatstheater Kassel. 2011 debütierte sie mit der Uraufführung der Familienoper »Mikropolis« von Christian Jost an der Komischen Oper Berlin. 2014 arbeitete sie erstmals am Theater Bielefeld: Ihre Inszenierung
von »Madama Butterfly« wurde 2015 mit dem Götz-Friedrich-Preis ausgezeichnet. Seitdem inszeniert sie an renommierten Häusern, u.a. am Opernhaus Zürich, am Luzerner Theater, an der Komischen Oper in Berlin, an der Oper Graz, an der Oper Köln und der Oper Frankfurt. In der Spielzeit 2018/19 wurde Nadja Loschky Hausregisseurin am Theater Bielefeld, wo sie seither u.a. Rihms »Jakob Lenz«, Verdis »La Traviata«, »Aida«, »Der Barbier von Sevilla« und die darauf basierende Familienopern- Uraufführung »Doktor Bartolos Geheimnis oder In Sevilla sind die Mäuse los« inszenierte sowie Offenbachs »Orpheus in der Unterwelt« in einer neuen Bielefelder Fassung auf die Bühne brachte. Mit der Spielzeit 2019/2020 übernahm Nadja Loschky auch die künstlerische Leitung des Musiktheaters am Theater Bielefeld. In den Spielzeiten 2023/24 und 2024/25 leitete Nadja Loschky, gemeinsam mit dem
Intendanten Michael Heicks, die Bühnen und Orchester Bielefeld, seit der Spielzeit 2025/26 ist sie alleinige Intendantin.




